Sexualität und Behinderung – über Liebe, Freundschaft, Sexualität

VON ALINA MERTENS

Ich bin studierte Sexualpädagogin und arbeite zum Thema Sexualität und Behinderung. Ich gebe zum Beispiel Seminare zu diesem Thema, sowohl für Menschen mit Behinderungen als auch für deren Angehörige und Mitarbeiter der Behindertenhilfe. Ja, es ist eine sehr spezielle Arbeit, aber ich habe darin meine Berufung gefunden.

Menschen mit Behinderungen, vorwiegend mit kognitiven Einschränkungen, mögen meine Seminare sehr. Sie freuen sich, wenn ich in ihre Einrichtung komme und mit ihnen über Liebe, Freundschaft, Sexualität und den Wunsch nach einer eigenen Familie spreche. Oft bin ich die erste, die das tut. Sie erzählen mir ihre Wünsche und Träume, und ich fühle mich geehrt, dass sie mir so viel Vertrauen entgegenbringen. Es fällt ihnen oft leichter, sich mir gegenüber zu öffnen, weil sie wissen, dass ich nur für dieses Thema zu ihnen komme und danach wieder gehe.

Die Menschen mit Handicap, die an meinen Seminaren teilnehmen, überraschen mich immer wieder. An eine Veranstaltung erinnere ich mich besonders lebhaft. Eine Gruppe von jungen Erwachsenen, die zusammen in einer Art Wohngemeinschaft leben, hatte mich engagiert. Sie wollten über das Thema Sexualität und Partnerschaft sprechen.

Ich erfuhr, dass auch ein schwuler Rollifahrer unter den Teilnehmenden war. Er hatte schlechte Erfahrungen gemacht und sich bisher nur gegenüber sehr wenigen Mitbewohnern geoutet. Er wollte, dass ich allgemein über das Thema sexuelle Orientierung spreche und klarmache, dass Menschen grundsätzlich sehr unter Diskriminierung leiden.

Zu Beginn des Seminars brachte ich die Teilnehmer dazu, sich mit Vorurteilen gegenüber einzelnen Personengruppen zu beschäftigen. Alle hatten bereits negative Reaktionen auf ihre Behinderungen erlebt und wussten deshalb sehr genau, wie es sich anfühlt, diskriminiert oder ausgegrenzt zu werden. Sie drückten ihr tiefes Bedauern darüber aus, dass nicht jeder Mensch so leben kann, wie er will.

In dieser Atmosphäre gelang es dem jungen Mann, sich zu outen und offen über seine Erfahrungen zu sprechen. Er schilderte Vorfälle, bei denen er sogar von pädagogischen Mitarbeitern für seine Homosexualität ausgelacht worden war. Auch einige Werkstattkollegen waren nicht gerade zimperlich mit ihm umgegangen. Die anderen Gruppenmitglieder reagierten betroffen auf die Schilderungen und waren sehr aufgebracht. Ein Mitbewohner bot sogar an, jeden, der sich noch einmal so etwas erlauben würde, zu verprügeln.

Nachdem es uns gelungen war, den Zorn über die Diskriminierungen zu kanalisieren, schlugen die Mitbewohner vor, dass er sie bei der nächsten Attacke hinzuziehen solle, damit sie gemeinschaftlich gegen diese Gemeinheit vorgehen und für ihn einstehen könnten. Der junge Mann war zu Tränen gerührt.

Es macht mich glücklich, wenn ich Menschen dazu bringen kann, sich selbst ein bisschen näher zu kommen, wie es mir in diesem Seminar gelungen ist. Und es ist immer wieder ein gutes Gefühl, jemandem zu vermitteln: “Du bist klasse, und so wie du bist genau richtig.”

Für Sie recherchiert

Ihr behindert-barrierefrei Team

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