Sexualität behinderter Menschen als Normalfall begreifen

von Ottmar Miles-Paul
© kobinet/omp
Mainz (kobinet) Der Mainzer Arbeitskreis “Sexualität und Behinderung” wird zehn Jahre alt. Deshalb betonten die Verantwortlichen, dass es an der Zeit ist, dass die Sexualität behinderter Menschen als Normalfall begriffen wird. Zehn Jahre ist es her, seit Lothar Schwalm vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (ZsL) in Mainz den Arbeitskreis “Sexualität und Behinderung” gründete: “Ziel des Arbeitskreises war und ist, die Fachkräfte aus sozialen und pädagogischen Berufsfeldern, die mit diesen Themenbereichen Sexualität und Behinderung zu tun haben, zu vernetzen und Kooperationen zu erleichtern.”

“Denn”, so ergänzt Astrid Möllenkamp von der Schatzkiste Mainz, “viele Menschen mit Behinderungen haben nicht die Möglichkeit auf eine freie Entfaltung ihrer Sexualität. Manchmal wird ihnen sogar das Recht auf eine eigene Sexualität abgesprochen.” Unwissenheit, fehlende Erfahrungsmöglichkeiten und Fremdbestimmung seien Bedingungen, die es Männern und Frauen mit Behinderung oder Beeinträchtigung schwer machten, ihre sexuellen Bedürfnisse kennen und leben zu lernen. “Stellenweise ist dies auch heute noch in stationären Einrichtungen oder im Elternhaus der Fall.”

Um solchen Problemen vorzubeugen, möchte der Arbeitskreis einen gegenseitigen Informationsaustausch anregen und die kollegiale Unterstützung für Fachkräfte aus der Sozial- und Behindertenarbeit fördern. Das multi-disziplinäre Arbeitsteam wagt sich dabei auch an die Tabu-Themen heran: “Die Ergebnisse der BMFSFJ-Studie zum Thema “Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland” haben gezeigt, dass Menschen mit Behinderungen, insbesondere Frauen, verstärkt von sexualisierter Gewalt betroffen sind,” sagt Anette Diehl vom Frauennotruf Mainz. Fallsupervisionen, Helferkonferenzen und Fortbildungen zum Thema sind bereits innerhalb des Arbeitskreises “Sexualität und Behinderung” organisiert und durchgeführt worden. Weitere Themen sind sexualpädagogische Aufklärung, Sexualbegleitung oder auch Homosexualität bei Menschen mit Lernschwierigkeiten oder sogenannter geistiger Behinderung.

Seit 2008 stellt der Arbeitskreis seine Arbeit und Ziele in einem Faltblatt vor. Dieses gibt einen Überblick über Einrichtungen in und um Mainz, die sich mit diesen Tabu-Themen beschäftigen. Mitglied im Arbeitskreis Sexualität und Behinderung sind das Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen Mainz (ZsL), der Frauennotruf Mainz, die Nieder-Ramstädter Diakonie, die Koordinations- und Beratungsstelle für behinderte Frauen in Rheinland-Pfalz (KOBRA), die pro familia Mainz, die Sankt-Vincenzstift gGmbH Rüdesheim, sowie die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfB Mainz), die Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit, die “Schatzkiste” Mainz und die Lebenshilfe Mainz-Bingen. Jüngste Mitglieder in der Runde sind die Beratungsstelle “Liebelle” in Mainz und die “Schatzkiste” Wiesbaden. Die neuen TeilnehmerInnen erhoffen sich vom Arbeitskreis Sexualität und Behinderung eine zusätzliche Vernetzung in diesem breiten Arbeitsfeld und eine professionelle kollegiale Unterstützung bei Konfliktsituationen.

“In diesen zehn Jahren ist es uns gelungen ein Netzwerk aufzubauen, das einen vertrauensvollen und gewinnbringenden Austausch für alle Beteiligten ermöglicht und auch weiterhin fördern soll”, sind sich die Mitglieder des Arbeitskreises Sexualität und Behinderung einig. Denn gerade auch über die regelmäßigen Treffen hinaus sind vielfältige Kontakte und Möglichkeiten der Zusammenarbeit entstanden. Neue TeilnehmerInnen sind herzlich willkommen und können sich bei einer der beteiligten Institutionen melden, heißt es in einer vom Frauennotruf Mainz,
Fachstelle zum Thema Sexualisierte Gewalt, veröffentlichten Pressemeldung.

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