Sexualassistenz: Liebesdienste für Behinderte

Fast jeder Mensch sehnt sich nach Zärtlichkeit, Körperkontakt und nach Sex. Auch dann, wenn er körperlich oder geistig beeinträchtigt ist. Doch dass Menschen mit einer Behinderung sexuelle Wünsche und Bedürfnisse haben, ist für ihr Umfeld oft schwer vorstellbar. Nina de Vries bricht mit ihrer Arbeit ein Tabu: Die Sexualassistentin bietet Liebesdienste für Behinderte an.

Mit erotischen Massagen fing es an
Nina de Vries ist gebürtige Niederländerin. In ihrer Heimat ließ sie sich zur Masseurin und zur Therapeutin ausbilden, bevor sie nach Potsdam zog. Dort bot de Vries zunächst erotische Massagen an. Sie bekam regelmäßig Anfragen von Männern mit einer körperlichen Behinderung, die sich eine Massage wünschten. „Einer hatte die Beine amputiert, ein anderer war querschnittsgelähmt“, erzählt de Vries. Sie zögerte nicht, auch diese Aufträge anzunehmen.

Das Treffen mit diesen Männern war anders als mit ihren anderen Kunden: „Ich musste mein Tempo drosseln, das war nicht so eine schnelle Geschichte“, sagt die Sexualassistentin. „Für manche war diese Massage die erste lustvolle Erfahrung, die sie gemacht haben.“

Sexualassistenz ist keine Prostitution
Mit der Zeit begann de Vries, auch Menschen mit geistiger Behinderung zu betreuen. Heute arbeitet de Vries ausschließlich mit behinderten Menschen – überwiegend Männer, aber auch Frauen. „Ich hätte heute keine Lust mehr auf meine frühere Tätigkeit“, sagt die Sexualassistentin. In den Begegnungen mit ihren behinderten Kunden gibt es kaum Smalltalk, kein Geplänkel. „Für mich ist diese Ebene viel echter“, sagt die 50-Jährige. Obwohl sie ihre Liebesdienste gegen Bezahlung anbietet, sieht de Vries einen großen Unterschied zur Prostitution.

Der Mensch und nicht das Geld stehe bei ihrer Tätigkeit im Vordergrund. „Meine Kunden denken nicht: Jetzt habe ich für zwei Stunden bezahlt, die muss ich ausnutzen“, erklärt die Sexualbegleiterin. „Sie haben nicht diese versteckte Gier, die ich bei nicht behinderten Kunden manchmal gespürt habe.“

Behinderte entdecken ihren Körper
De Vries lässt sich Zeit bei ihren Klienten – sie nähern sich schrittweise an. Denn viele Kunden können ihre Wünsche verbal nicht zum Ausdruck bringen, daher ist viel Einfühlungsvermögen nötig. Manchmal sind mehrere Besuche nötig, bevor es zur ersten intimen Berührung kommt. Dabei hat de Vries ihre eigenen Grenzen: „Kein Geschlechtsverkehr, kein Oralkontakt“, sagt sie. Also auch keine Küsse. Die Sexualbegleiterin massiert ihre Kunden, streichelt sie, bringt sie mit der Hand zum Orgasmus. über Handführung gibt sie ihnen eine Anleitung, wie sie ihren Körper entdecken können. Bei weiblichen Klienten zeigt de Vries die Berührungen an sich selbst, die Kundin ahmt sie nach. „Das Wissen, wie man masturbiert, ist nicht angeboren“, erklärt de Vries. „Manche meiner Klienten wissen einfach nicht, wie sie sich selbst befriedigen können.“

Nicht gelebte Sexualität führt zu Aggressionen
Behinderte, die ihre Bedürfnisse nicht verbal äußern können, zeigen diese, indem sie zum Beispiel ihren Pfleger spontan umarmen. Weil sie ihre Sexualität nicht ausleben können, werden sie manchmal auch aggressiv – gegen sich oder ihr Umfeld. In diesen Fällen wird de Vries um Hilfe gebeten. Die Anfragen an die Sexualassistentin kommen meist von Einrichtungen, zum Beispiel Pflegeheimen, seltener von Angehörigen. „Ich habe mich noch nie selbst an eine Einrichtung gewandt und meine Dienste angeboten“, erklärt de Vries. Das Honorar der Sexualbegleiterin müssen die Patienten oder deren Angehörige selbst bezahlen.

„Für mich ist jeder Körper ein Wunder“
De Vries hat keine Schwierigkeiten bei der Begegnung mit ihren Klienten. „Meine therapeutische Ausbildung hat mich gut darauf vorbereitet“, sagt sie. „Ich denke seitdem nicht mehr in Kategorien wie „normal“ oder „behindert“. Für mich ist jeder Körper ein Wunder.“ Allerdings hat sie sich auch mal überfordert gefühlt. „Einmal habe ich einen Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma besucht“, erinnert sie sich. „Er schwankte ständig in seinem Verhalten: In einem Moment war er zärtlich, offen und freundlich, dann plötzlich wurde er übergriffig und beleidigend.“ Damit umzugehen, erwies sich als schwierig: Nach einigen Versuchen brach sie den Besuch ab. „Aber das kommt eher selten vor“, betont de Vries.

Kein Tabuthema
Meist hat sie Freude an den Besuchen bei ihren Kunden. „Es ist schön, jemandem etwas geben zu können“, sagt de Vries. „Ich bin froh, dass ich mein Geld mit etwas verdienen kann, das mich herausfordert.“ über ihre Erfahrungen spricht die Sexualassistentin in Workshops und Vorträgen. Negative Reaktionen auf ihre Tätigkeit habe sie selten erlebt. „Ich gehe damit unbefangen um, das ist kein Tabuthema für mich“, erklärt die Sexualbegleiterin.

Auch ihr Partner habe mit ihrer Tätigkeit keine Probleme: „Er begleitet mich sogar auf Workshops.“ Für Vorbehalte gegenüber ihrem Beruf hat de Vries wenig Verständnis. „Ich bedauere es, in einer Gesellschaft zu leben, die zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten trennt.“

Für Sie recherchiert:

Ihr behindert-barrierefrei Team
Oliver Fleiner und Willi Lang

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3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Zuerch Markus
    6. Juni 2022 14:36

    Auf der einen Seite werden Gesetze erlassen, aber wer kümmert sich um die praktische, hier hauptsächlich finanzielle Unterstützung, für den durch Behinderung sowieso schon benachteiligten?
    Markus Zuerch

    Antworten
  • Finde ich toll, dass es solche Menschen gibt die das tun. Ich habe ein paar Jahre handycapmen gefahren, von zu HAuse in eine Tagesförderstelle und zurück. die meisten davon körperlich und geistig behindert. es sind tolle Menschen die sich freuen und traurig sein können wie jeder andere Mensch auch, wenn sie merken dass man sie für voll nimmt, gehen sie richtig auf und warten regelrecht darauf, dass sie wieder abgeholt werden. Über die Sexualität dieser Menschen habe ich mir zwar auch schon gedanken gemacht, weil ich der Meinung bin, dass dies auch eine wichtige Angelegenheit ist, habe aber eher auf Rücksicht sie nicht mit solchen Fragen zu verletzen, diese Sache nie angesprochen. Mittlerweile bin ich 68 Jahre alt und im Ruhestand, sonst würde ich mich auch für eine Sexualassistenz zur Verfügung stellen.

    Antworten
  • Ich hatte noch niee sex weil ich im Rollstuhl bin

    Antworten

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