Schlaganfall mit drei Jahren – Ole hat sein Leben zurück

VON DAGMAR HAAS-PILWAT – Düsseldorf (RP). Der Schlaganfall kann jeden treffen – selbst ungeborene Kinder im Mutterleib. Ole Weske, mit einem Herzfehler geboren, war drei Jahre alt, als sich sein Leben und das seiner Familie von jetzt auf gleich veränderte.

Bei der Geburt war er ein propperes Kerlchen. Wenige Wochen später war Jan-Ole („sag einfach Ole zu mir“) ein Schatten seiner selbst. Ursache: fehlende Herzklappe, vertauschte Haupt- und Lungenschlagader. Sein Leben schwebte in höchster Gefahr.

Für Simone und Ralf Weske und ihr Baby begann die Odyssee: Kinderarzt, Kardiologen, Krankenhäuser, Komplikationen. Als endlich alles gut schien, schlug er wie Blitz ein – der Schlaganfall.

Drei Jahre alt war der Knirps da. Zwei Herzoperationen und zahlreiche lebensbedrohliche Situationen hatte er überstanden, als er eines Morgens nur noch wimmerte. „Ole konnte nicht mehr sitzen, stehen und sprechen“, Ralf Weske (41) erinnert jedes Detail. „Wir sind mit ihm sofort in die kardiologische Ambulanz der Universitätsklinik gefahren zu unserem Arzt.“

Untersuchungen zeigten: Das Herz war okay. Aber: „Ole war nicht wiederzuerkennen. Als ich dann sah, dass eine Gesichtshälfte so seltsam hing, hab ich nur geschrien ,Ole hat einen Schlaganfall?.“ Blitzschnell setzte die Akutversorgung ein, um das Blutgerinsel im Kopf aufzulösen. Aber wie so oft – vor allem bei Kindern, die der Schlag trifft – war das Zeitfenster für die optimale Versorgung längst geschlossen.

Den Eltern zog es den Boden unter den Füßen weg. „Unsere Welt brach zusammen und unser Glaube an Gott ging in Scherben“, erzählt Simone Weske (38). „Warum wir? Warum mein Kind?“ Quälende Fragen, auf die es keine Antwort gab.

Dazu die Sorge um die ältere Tochter Anne-Bea. Heute, sieben Jahre später, sitzen die vier zuversichtlich und lebensfroh am Esstisch im Häuschen in Leichlingen. Zusammen haben sie es geschafft. Der Weg dahin war hart. So manches Mal drohte die Familie zu zerbrechen. Doch letztlich meisterte jeder auf seine Art das Schicksal.

Ralf Weske, IT-Manager, recherchierte wie ein Verrückter nach Hilfen im Internet. Verbissen stellte er alles, was die ärzte sagten, in Frage, wurde verschlossener. „Ich kompensierte meinen Schmerz mit Aktionismus.“ Er funktionierte nur noch, brach zusammen, musste in die Klinik. Heute geht der 41-Jährige achtsamer um – mit sich und mit Simone, seiner großen Liebe.

Auch Simone Weske ist wieder in der Balance. In ihren Tagebüchern von einst hat sie ihre Verzweiflung notiert, ihre Depressionen und fehlende Perspektive. Eine Therapie hat geholfen, das Unfassbare aufzuarbeiten und den Glauben an Gott wiederzufinden. „Ich habe früher nicht verstanden, dass Gott einen nicht vor Leid bewahren kann“, sagt sie. „Heute weiß ich, er trägt mich. Ich bin dankbar für das, was ich habe. Der Augenblick zählt und nicht die Zukunft.“

Bea (12) geht aufs Gymnasium. Die Super-Schülerin mag vor allem Mathe, Sport und Kunst. Sie erinnert sich, als Ole das erste Mal am Herzen operiert wurde: „Ich musste zur Oma“. Damals war sie zwei Jahre alt. Die Geschwister verstehen sich, hängen aneinander. Bea, die ruhige, ist froh, dass es ihrem Bruder so gut geht.

Denn sie hat auch andere Schlaganfall-Kinder erlebt. In der Tat, zäh und quirlig hat Ole sich durchgekämpft. In den Wochen nach dem Schlaganfall, als er wie ein Baby in der Mauritius Therapieklinik in Meerbusch erneut Sprechen und Laufen lernte. „In der Rehabilitation erlebt man quasi die zweite Geburt“, sagen die Eltern. Sichtbar geblieben ist eine halbseitige Lähmung, der rechte Arm hängt schlaff, die Hand ist verkrampft. Medikamente und Ergo-Therapie gehören zu Oles Alltag.

Der Zehnjährige ist der Spaßvogel der Familie. Er ist klug, sprachgewandt, nur manchmal fällt ihm das richtige Wort nicht ein, doch gewitzt wie er ist – umschreibt er es. Aus Brot wird „das mit der Marmelade drauf“. Oder aus störend „störisch“. Ole kann toll zeichnen und hängt seinen Vater bei Wettrennen ab. Wie das? „Wenn er auf in seinem Kart Weel E-Bike sitzt und Gas gibt“, sagt Bea.

Klar weiß Ole genau, was er einmal werden will: „Um Geld zu verdienen Autohändler. Und Autor, weil ich gerne Geschichten erfinde.“ Was sagt er, wenn andere wissen wollen, was mit seinem Arm ist? Ole lacht: „Früher habe ich es erklärt, aber das ist störisch.“ Er will nicht erinnert werden und beantwortet Fragen lakonisch mit: „Das ist eine lange Geschichte“.

Für Sie recherchiert:

Ihr behindert-barrierefrei Team
Willi Lang

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