Rollstuhl-Segway Apache: Thorsten Pütger hat Multiple Sklerose und will den bundesweit ersten Verleihservice aufbauen

 
VdK-ZEITUNG
 
VdK-Mitglied Thorsten Pütger hat Multiple Sklerose und will den bundesweit ersten Verleihservice für Segway-Rollstühle aufbauen.Sich auf seinen eigenen zwei Beinen fortbewegen zu können, ist für die meisten Menschen selbstverständlich. Erst wer durch eine Krankheit oder einen Unfall in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist, merkt, wie sich dadurch das ganze Leben verändert. Auch VdK-Mitglied Thorsten Pütger, der an Multipler Sklerose erkrankt ist, hat diese Erfahrung gemacht.
 

Für seine Ziele zu kämpfen, das ist der Berufsoffizier Thorsten Pütger gewöhnt. Ob beruflich bei Einsätzen in Afghanistan und im Kosovo oder privat beim Marathon: Der Mann aus der Nähe von Bad Segeberg in Schleswig-Holstein sucht immer die Herausforderung. Doch vor drei Jahren wurde er aus der Bahn geworfen, plötzlich und unerwartet.

Diagnose war ein Schock

Vor einem Einsatz im Libanon sollte der damals 46-Jährige gründlich durchgecheckt werden. Dem Arzt erzählte Thorsten Pütger beiläufig, dass sich auf seinen letzten Joggingrunden seine Beine anders als sonst angefühlt haben. „Meine Frau sagte noch, ich würde meine Füße nicht richtig heben und schlurfen“, erinnert sich der heute 49-Jährige. Der Arzt überwies den großen, durchtrainierten Mann sofort an einen Neurologen. Die Diagnose war ein Schock: Multiple Sklerose (MS) in der recht seltenen Verlaufsform PPMS. Die Abkürzung steht für Primär Progrediente MS. Etwa 10 bis 15 Prozent der etwa 130.000 MS-Patienten leiden daran. Im Unterschied zum schubförmigen Verlauf bei der herkömmlichen MS, tritt hier von Anfang an eine kontinuierliche Verschlechterung auf.

Aus dem Marathonläufer Thorsten Pütger hat PPMS einen Mann gemacht, der heute nur noch kurze Wege zurücklegen kann. „Selbst mitzuerleben, dass meine Beine ihren Dienst versagen, das war für mich das Schlimmste überhaupt“, beschreibt der Berufsoffizier. Und noch viel schlimmer für ihn sei die Vorstellung, im Rollstuhl zu sitzen und auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Mobilität bedeutet für ihn Freiheit und Lebensqualität.

„Das wollte ich mir durch die Krankheit nicht nehmen lassen. Jetzt erwachte mein alter Kampfgeist“, erzählt Pütger. Auf nichts anderes, das sei ihm nach einigen Tiefs und Rückschlägen klar geworden, könne er sich künftig noch verlassen. Denn eine medikamentöse Therapie, die in den Verlauf bei PPMS eingreifen könnte, gibt es bisher nicht. Noch arbeiten mehr als 170 MS-Experten aus aller Welt an Strategien zur Entwicklung wirksamer Behandlungen bei PPMS„Ziel ist es, klinische Studien zu starten, die uns in der Therapie weiterbringen“, so Professor Frauke Zipp, Direktorin der Klinik für Neurologie an der Uniklinik Mainz.

Thorsten Pütger hofft, dass die Wissenschaftler irgendwann ein Mittel finden, das den zerstörerischen Verlauf bei PPMS stoppen kann. Obwohl seine Gehbehinderung inzwischen nicht mehr zu übersehen ist, hatte er Probleme, als Schwerbehinderter anerkannt zu werden. Deshalb wandte er sich an den Sozialverband VdK Nord. Der setzte für ihn die Anerkennung eines Grades der Behinderung von 50 und das Merkzeichen G für gehbehindert durch.

Kein Rollstuhl-Ersatz

Dieser Erfolg bestärkte den Offizier darin, weiter zu machen. Sein großes Ziel: trotz Gehbehinderung weitestgehend mobil zu bleiben. Im Internet stieß Pütgers Ehefrau auf ein neuartiges Fortbewegungsmittel: zum Rollstuhl umfunktionierte Segways. Der futuristische Roller ist in seiner ursprünglichen Form als trendiges Fortbewegungsmittel vor allem in Großstädten anzutreffen.

Für Thorsten Pütger bedeutet der „Apache“ mehr Lebensqualität. | © Thorsten Pütger/privat

VdK-Mitglied Thorsten Pütger hat Multiple Sklerose und will den bundesweit ersten Verleihservice für Segway-Rollstühle aufbauen.

Die zum Rollstuhl umgebauten Segways sind zwar recht teuer und werden auch nicht von der Krankenkasse bezuschusst, bieten aber einigen Menschen mit Gehbehinderung große Vorteile. Sie sind schneller und beweglicher als ein herkömmlicher Rollstuhl. Die Entwickler betonen jedoch, dass es sich hierbei nicht um einen Ersatz des normalen Rollstuhls handelt.

Segway-Rollstühle, die auf einer Achse fahren, können für einige Gehbehinderte die Mobilität erhöhen und somit für ein ganz anderes Lebensgefühl sorgen. Für andere, zum Beispiel Menschen, die ihren Oberkörper oder ihre Beine gar nicht mehr bewegen können, sind sie jedoch kein Ersatz für einen Rollstuhl.

„Vielen MS-Patienten können sie jedoch viel Mobilität geben, die sie ansonsten nicht erleben dürften“, beschreibt Thorsten Pütger, der mit seinem „Apache“ – so heißt sein Modell auf der Basis eines Segway – ohne fremde Hilfe unterwegs ist.

„Dieses Gefährt hat wieder Bewegung in mein Leben gebracht“, schwärmt der Schleswig-Holsteiner, der in der Verwaltung der Marineunteroffiziersschule Plön arbeitet. Doch er weiß auch, dass sich die meisten diese Anschaffung von mehreren tausend Euro nicht leisten können. Deshalb plant der Berufsoffizier gemeinsam mit einer ebenfalls an MS erkrankten Bekannten, eine Verleihstation für Segway-Rollis aufzubauen. Auf Messen und anderen Veranstaltungen habe er bisher sehr positive Resonanz erfahren. 

„Wer einmal Probe gefahren ist, will gar nicht mehr aussteigen“, so Thorsten Pütger, der zurzeit auf der Suche nach Sponsoren ist. Für die Umsetzung seiner Idee will der Berufsoffizier weiter kämpfen und damit anderen Bewegungseingeschränkten zu mehr Mobilität verhelfen.

ikl

Danke Thorsten

Dein behindert-barrierefrei Team

Willi und Oli

 

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