Oliver Raach meistert nach einem schweren Unfall sein Leben wieder und engagiert sich für Behinderte

VON ANKE LEUSCHKE
PFRONSTETTEN-AICHELAU. Wenn Oliver Raach sich an seinen Schreibtisch setzt, dann ist er dankbar und froh, dass er anderen Menschen helfen kann. Das war nicht immer so. 2005 hatte der jetzt 46-Jährige einen Autounfall, bei dem er schwerste Hirnverletzungen davontrug. Mit sehr viel Willenskraft hat sich Oliver Raach wieder aus dem Rollstuhl gekämpft.

Seit 1999 hatte er beim Autoumrüster Paravan in Aichelau tagtäglich mit gehandicapten Autofahrern zu tun. Plötzlich wurde er selbst mit den Problemen derer konfrontiert, die er bis dahin tagtäglich als Marketingleiter beraten hat. »Nicht behindert zu sein, ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann«, erklärt er. Deshalb hat er sich nach seiner Genesung dem Einsatz für Menschen mit Behinderungen verschrieben.

»Mir haben Leute nicht geholfen, von denen ich dachte, sie würden es tun«

Mit einem Mal war alles anders. Im Sommer 2005 auf der B 313 zwischen Trochtelfingen und Engstingen ereignete sich der schwere Verkehrsunfall, in den er unverschuldet verwickelt wurde. Vier Wochen lag er im Koma. Die Kopfverletzungen waren so schwer, dass das Gehirn keine Informationen mehr an die Beine liefern konnte. Die ärzte gaben ihm wenig Chancen.

Zu den körperlichen Leiden kam die Enttäuschung. »Es haben mir Leute nicht geholfen, von denen ich gedacht hatte, dass sie helfen würden«, erinnert er sich. Doch diese bittere Erkenntnis spornte ihn eher an: »Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich es kann.« Unterstützt wurde er von seinen Arbeitgebern, dem Ehepaar Arnold.

2007 kehrte er dauerhaft an seinen Schreibtisch zurück, wenn auch nicht mit voller Kraft. »Man muss seine eigenen Rahmenbedingungen schaffen und sich den Lebensumständen anpassen«, betont er. Diese Möglichkeiten habe man ihm bei Paravan eingeräumt. Heute sieht er es als seine Aufgabe, anderen Menschen Mut zu machen, mit ihrem Handicap positiv umzugehen.

Inzwischen ist er als Referent der Geschäftsführung tätig und Direktor der im August 2010 gegründeten »Paravan-Stiftung«. Der gelernte Kfz-Meister und Betriebswirt versteht sich als kreativer Ideengeber und versucht sein Leitmotiv, »für andere Menschen da zu sein«, in die öffentlichkeit zu tragen.

Besonders der Fall des Abiturienten Janis, der ohne Gliedmaßen aufwuchs und von seinen Eltern verstoßen wurde, hat ihn im vergangenen Jahr sehr bewegt und angetrieben. »Wir haben Janis mithilfe des ‚Space Drive Systems‘ wieder Mobilität verschafft«, berichtet er nicht ohne Stolz.

Der behinderte junge Mann aus Bochum fährt jetzt mit dem eigenen Auto zur Universität und studiert. Nicht alle Kinder haben so viel Glück und werden von einem Kostenträger finanziert. Für sie ist im vergangenen Jahr die »Paravan-Stiftung« ins Leben gerufen worden. Der Fall Janis habe deutlich gemacht, dass es eine Gruppe gebe, die nicht an den staatlichen Unterstützungen partizipieren könne, sagt Raach. Vor allem Kinder seien davon betroffen.

»Ein behindertes Kind sitzt zu Hause und sieht 17 Jahre nichts von der Welt«, schildert Raach. Ihnen fehle jegliche Möglichkeit, am normalen Leben teilzuhaben. Ohne diese Erfahrungen sei es jedoch schwer, junge Behinderte in Arbeitsprozesse einzugliedern.

Zurzeit sammelt die Stiftung Bewerbungen und Anfragen von Betroffenen, 40 sind bereits eingegangen. Das Kuratorium, bestehend aus vier unabhängigen Experten, prüft sie gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Beirat und stimme über den Umfang der Unterstützungen ab. Die Hilfen, die die Stiftung zur Verfügung stellt, können unterschiedlich sein, angefangen von Ausrüstung über Forschung und Sachverständigenberatung bis hin zu Schulungsangeboten zur Verbesserung der Lebensqualität.

»Der Erfolg liegt darin, behinderte Menschen ernst zu nehmen«

»Die Stiftung ist unabhängig, da lege ich sehr viel Wert drauf«, betont Raach, der ihr Direktor ist. Die erste Kuratoriumssitzung wird im Frühjahr stattfinden. Vorstand und Initiatoren sind Martina und Roland Arnold, die auch das Stiftungskapital eingebracht haben.

Oliver Raach engagiert sich aber auch außerhalb von Stiftung und Arbeitsplatz für behinderte Menschen. Seit 2008 ist er Gerichtssachverständiger und war der erste öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für die Kfz-Versorgung Körperbehinderter. In diesen Funktionen zeigt er Betroffenen den Weg, mit den Behinderungen zu leben, unter anderem mit seinem Ratgeber »Mut zur Mobilität«, der bereits 50 000 Mal bei der Gesellschaft für Technische überwachung mbH (GTü) angefordert worden ist. Zudem arbeitet er an einem Buch mit dem Titel »Balance«, in dem er sich mit dem Gleichgewicht im Leben nach Hirnverletzungen auseinandersetzt.

Seit seinem Unfall ist für Oliver Raach eines besonders wichtig: Erfahrungen weiterzugeben und deutlich zu machen, dass nach einem so einschneidenden Ereignis nicht zwangsläufig Schluss sein muss.

Deshalb fährt er jeden Tag zu seinem Arbeitsplatz nach Aichelau. Weitermachen, kämpfen und die beste Lösung für die Ratsuchenden finden, das sei überaus wichtig für ihn. »Der Erfolg liegt darin, den behinderten Menschen ernst zu nehmen und zuzuhören.« (GEA)

Für Sie recherchiert:

Ihr behindert-barrierefrei Team
Willi Lang

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Madeleine Jannasch
    10. Juni 2021 20:04

    Mich fasziniert, wie man bei solchen wenig motivierenden Aussichten die Höhe Motivation und den Glauben an sich hat, dennoch gesund zu werden. Ich suche seit einiger Zeit Biographien, die zeigen, dass schwerkranke Menschen ihren Traum erreichen ich möchte das nachmachen, um so den Weg von 4 Rädern auf 2 gesunde Beine zu schaffen.
    Meine Freunde glauben so sehr an mich. Ärzte finden das unrealistisch und berauben mich so meines Glaubens. Das enttäuscht mich. Das Therapiezentrum in Pforzheim hat mich erleben lassen, was möglich ist.
    Ich wünsche dem Herrn Rasch alles Gute für seine Zukunft und viel Erfolg in seiner Arbeit

    Antworten

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