Multible Sklerose: gewichtiger Anteil Betroffener lehnen Therapien gänzlich ab – meist wegen starker Nebenwirkungen

Im Geschäft mit Medikamenten gegen multiple Sklerose rangeln Pharmafirmen wie in fast keinem anderen Therapiegebiet. Novartis und Biogen haben mit Mitteln gegen MS lange Zeit viel Geld verdient.

Doch nun droht ihnen starke Konkurrenz durch Generika. Roche hingegen ist erst vor kurzem ein eindrucksvoller Start geglückt.

Um kaum eine andere Patientengruppe buhlen Medikamentenhersteller heftiger als um Betroffene der Nervenerkrankung multiple Sklerose (MS). Anfang dieses Jahres hatten Ärzte nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Global Data bei der Verschreibung die Wahl zwischen 14 verschiedenen zugelassenen Therapien.

Mit dem Medikament Kesimpta von Novartis ist jüngst ein weiteres dazugekommen. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat es im August zur Vermarktung in den Vereinigten Staaten freigegeben. Doch damit nicht genug: Nach Ansicht der Experten von Global Data könnte bis 2028 ein knappes Dutzend weiterer Präparate gegen MS lanciert werden. Insgesamt haben die Marktforscher fast 50 neue Wirkstoffe gezählt, die sich in der klinischen Entwicklung befinden – die Hälfte davon in einem späten Stadium.

Dieser Vielzahl von Präparaten stehen schätzungsweise 2,3 Mio. Patienten gegenüber, die weltweit an MS leiden. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten davon profitiert, dass schwere Behinderungen trotz fortschreitender Erkrankung viel seltener als früher auftreten. Heilbar ist die Autoimmunerkrankung MS aber nach wie vor nicht.

Im Fall von Krebs oder Diabetes gibt es weltweit deutlich mehr Betroffene. Dennoch fällt das Geschäft mit Medikamenten gegen MS für die Pharmaindustrie ins Gewicht. Mit einem Gesamtumsatz von 22,7 Mrd. $ bildete es im vergangenen Jahr das zehntgrösste Therapiegebiet der Branche.

Umstritten ist, wie stark das Geschäft mit Präparaten gegen MS in den kommenden Jahren expandieren wird. Während die einen Branchenbeobachter aufgrund der vielen Neuheiten, die sich in der Entwicklung befinden, von einer weiteren Belebung ausgehen, sind andere deutlich pessimistischer: Laut den Erwartungen der Marktforscher von Evaluate Pharma dürfte der Gesamtumsatz aus der Vermarktung von MS-Mitteln bis 2026 pro Jahr durchschnittlich nur um 1,4% auf 25 Mrd. $ wachsen.

Eine noch schwächere Entwicklung wird unter den zehn bedeutendsten Therapiegebieten lediglich dem Geschäft mit Rheumamitteln sowie jenem mit Blutdrucksenkern prognostiziert. Für diese beiden Geschäftsfelder erwarten die Experten von Evaluate Pharma wegen starker Konkurrenz durch Generika sogar eine jährliche Kontraktion von 1,9 bzw. 0,6%.

Niederlage für Biogen

Tatsächlich dürften auch umsatzstarke Medikamente gegen MS in den kommenden Jahren im Wettbewerb mit Nachahmerprodukten deutlich unter Druck geraten. Am meisten zu befürchten hat nach jetzigem Kenntnisstand wohl der US-Biotechnologiekonzern Biogen. Die Firma, die in der Schweiz mehrere Milliarden in den Bau eines neuen Produktionswerks im solothurnischen Luterbach investiert hat, musste erst vor drei Wochen bei ihrem Hauptprodukt Tecfidera eine empfindliche Niederlage gegen die Generikafirma Mylan einstecken. Die FDA gab das Nachahmerprodukt von Mylan zur Vermarktung in den USA frei, nachdem zuvor ein Bundesgericht im Gliedstaat West Virginia den Patentschutz für das MS-Medikament für nichtig erklärt hatte.

Tecfidera ist bis anhin der Verkaufsschlager von Biogen gewesen. Das Präparat brachte dem Unternehmen allein 2019 in den USA einen Umsatz von 3,3 Mrd. $ ein. Diese Verkäufe drohen nun wegzubrechen. Laut den Analytikern der britischen Bank Barclays könnten sie bereits ab dem zweiten Quartal kommenden Jahres in Amerika nur noch geringfügige Werte erreichen.

Geschäfte mit Gilenya

Die grosse Popularität von Tecfidera rührt vor allem daher, dass das Produkt nicht wie fast alle anderen Medikamente gegen MS injiziert werden muss. Es ist in Tablettenform erhältlich. Dies gilt auch für das bisherige Erfolgsprodukt von Novartis bei der Behandlung von MS, Gilenya. Der Basler Pharmakonzern hat mit Gilenya in den vergangenen Jahren ebenfalls milliardenschwere Umsätze erwirtschaftet. Der Spitzenwert wurde 2018 mit über 3,3 Mrd. $ erreicht.

Obwohl das Patent für den Wirkstoff inzwischen abgelaufen ist, konnte Novartis die Anbieter von Nachahmerprodukten bis anhin mit einem in der Pharmabranche beliebten Kniff in Schach halten. Das Unternehmen beharrte auf dem patentrechtlichen Schutz der Schemata bei der Dosierung. Erst vor knapp einem Monat hielt ein Bezirksgericht in Delaware fest, dass die entsprechenden Patente weiterhin Gültigkeit besässen – und zwar bis Ende 2027. Allerdings räumte der Medikamentenhersteller bei derselben Gelegenheit ein, mit verschiedenen Generikafirmen einen Vergleich abgeschlossen zu haben. Dieser ermögliche ihnen, noch vor Ende 2027 Nachahmerprodukte zu lancieren.

Vorteil gegenüber Roche-Präparat?

Umso dringlicher ist es für Novartis, nun mit zwei neuen Präparaten gegen MS zu reüssieren. Dabei handelt es sich neben Kesimpta um das Medikament Mayzent, das die Zulassung für die USA schon im März 2019 erhalten hatte. Mayzent ist ebenfalls zur oralen Einnahme bestimmt. Kesimpta hingegen muss injiziert werden.

Die Novartis-Gruppe verspricht sich von ihrem jüngsten MS-Mittel gleichwohl einen Marktvorteil. Das Produkt, bei dem es sich um einen monoklonalen Antikörper handelt, steht in direkter Konkurrenz zum Medikament Ocrevus von Roche. Anders als im Fall von Ocrevus müssen sich Patienten, die sich mit Kesimpta behandeln lassen, aber nicht zu einem Arzt für eine Infusion begeben. Sie können sich das Medikament einmal monatlich selbst mithilfe eines Pens spritzen.

Kesimpta hat in klinischen Studien eine hohe Wirksamkeit gezeigt. Mediziner attestieren dem Produkt zudem ein gutes Profil in Sachen Sicherheit (sprich vergleichsweise wenig Nebenwirkungen). Dennoch trauen ihm die wenigsten Marktbeobachter zu, Ocrevus den Rang abzulaufen.

Die Roche-Gruppe ist in ihrer langen Geschichte mit keinem anderen Medikament bei der Markteinführung so erfolgreich gewesen wie mit Ocrevus. Bereits im ersten Quartal nach der Lancierung in den USA im März 2017 verzeichnete es einen Umsatz von rund 190 Mio. Fr. Vergangenes Jahr erreichte der Gesamterlös mit diesem Produkt 2,4 Mrd. Fr., und er könnte laut Schätzungen von Evaluate Pharma bis 2026 auf über 5 Mrd. Fr. steigen.

Auch viele resignierte Patienten

Trotz zunehmender Konkurrenz durch preisgünstige Generika gibt es Stimmen im Markt, die nicht nur dem Erfolgsprodukt Ocrevus, sondern dem gesamten Therapiegebiet MS ein hohes Wachstum prophezeien. Bei Global Data geht man davon aus, dass sich der Gesamtmarkt bis 2028 dank einer Reihe von erfolgreichen Neuheiten auf fast 33 Mrd. $ vergrössern wird. Dies würde ein jährliches Wachstum von über 5% implizieren.

Zu schaffen dürfte dies allerdings nur sein, wenn zahlreiche der zurzeit unbehandelten Patienten sich zu einer Behandlung überreden lassen würden. Die Pharmabranche kämpft bei MS nämlich seit langem auch damit, dass ein gewichtiger Anteil der Betroffenen dieser komplexen Krankheit Therapien gänzlich ablehnt – meist wegen starker Nebenwirkungen.

 

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