Inklusionsoffensive: drei Aktionstage in Kirchheims Innenstadt – mehr als die Teilhabe behinderter Menschen

Kirchheim. „Es geht uns nicht da­rum, eine neue Sau durchs Dorf zu treiben“, sagt MGH-Leiter Matthias Altwasser. Teilhabe und Integration, das Zusammenwirken von Alt und Jung, von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, von Behinderten und Nichtbehinderten sowie Menschen unterschiedlicher Religionen war im Kirchheimer Mehrgenerationenhaus schon zuvor ein Thema. Einziger Wermutstropfen: Die praktische Teilhabe im Gebäude selbst ist erschwert, da nicht barrierefrei. „Das kann sich im Laufe des Prozesses ja noch ändern“, will Altwasser die Hoffnung nicht verlieren.

Die Inklusionsoffensive stellt sich der Leiter der Linde als breites Netzwerk vor, das möglichst viele gesellschaftliche Gruppen in der Teckstadt mit einbeziehen kann, um die Menschen für das Thema zu sensibilisieren und Barrieren in den Köpfen abzubauen, so dass Inklusion letztendes zur Selbstverständlichkeit wird.

„Daran werden wir gemeinsam arbeiten“, freut sich Matthias Altwasser über den Verbund mit der Lebenshilfe Kirchheim, dem Aktionskreis für Menschen mit und ohne Behinderung und dem Kunstverein Kirchheim. Zum Start der Inklusionsoffensive wollen die drei Organisationen gemeinsam mit dem Mehrgenerationenhaus auf Kirchheims Marktplatz und in der Fußgängerzone von Donnerstag bis Samstag, 2. bis 4. Mai, die ersten Kirchheimer Inklusionstage veranstalten, berichtet Linde-Mitarbeiterin Jutta Ziller. Dabei wird es am ersten der drei Tage ein Stadtspiel mit verschiedenen Stationen rund ums Thema Inklusion geben, mit einer anschließenden Hocketse, unterstützt vom AKB. Die Kirchheimer Künstlerin Gabi Finkbeiner und der Wendlinger Künstler Roland Kranz, beide Mitglieder des Kirchheimer Kunstvereins, gestalten am zweiten Aktionstag eine Installation und eine Performance im Stadtzentrum. Roland Kranz wird mannshohe Pappfiguren mit schwarzen Köpfen – „Some of those with the black head“ – in Gruppen in der Fußgängerzone aufstellen, um damit zu symbolisieren, dass Denkschablonen in Köpfen erst durchbrochen werden müssen. Und Gabi Finkbeiner bedruckte lange Stoffbahnen aus Leinwand mit verschiedenen Fußspuren, Abdrücken von Rollstühlen und Krücken. Diese vier Bahnen werden auf dem Marktplatz ausgelegt und bilden das Ziel einer Flashmob-Aktion, die um 17 Uhr über die Bühne geht und bei der sich die Teilnehmer die Kleider vom Leib reißen, verrät Gabi Finkbeiner. Auf der nackten Haut prangt das Wort „Inklusion“ – eine Live-Performance der besonderen Art.

Der dritte Inklusionstag ist Filmen gewidmet, die sich mit dem Thema beschäftigen. Sie werden im Stadtkino gezeigt, das ab diesem Tag barrierefrei zu erreichen sein wird. „Dabei werden wir für jede Generation einen Film zeigen“, sagt Jutta Ziller. Anschließend ist Disco im Stadtkino angesagt: Mister Mac‘s Party-Team und zwei DJs des Aktionskreises für Menschen mit und ohne Behinderung werden dabei für die entsprechende Stimmung sorgen. „Die Veranstaltungen an allen drei Tagen sind kostenlos“, sagt Jutta Ziller, „jeder kann spontan kommen und mitmachen.“ Außerdem präsentiert das Mehrgenerationenhaus gemeinsam mit den Kooperationspartnern zum Thema Inklusion einen Infostand. Sowohl auf dem Marktplatz als auch vor dem Stadtkino werden die Veranstalter eine behindertengerechte Dixie-Toilette aufstellen.

Das Mehrgenerationenhaus Linde ist einer der vier Modellstandorte des KJR-Schwerpunktthemas Inklusion im Landkreis Esslingen. Esslingen-Mettingen, Deizisau und Ostfildern sind die anderen drei Standorte. Fachlich begleitet wird der Prozess vom früheren KJR-Geschäftsführer des Rems-Murr-Kreises, Frank Baumeister, und Professor Thomas Mayer von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Für Matthias Altwasser begann der Sensibilisierungsprozess zunächst „im eigenen Haus“. Deshalb berief er im vergangenen Herbst eine Vollversammlung aller Gruppen ein. 70 Frauen und Männer nahmen da­ran teil und äußerten sich zur Inklusion. „Die Ergebnisse waren erstaunlich positiv“, sagt der MGH-Leiter. Eine Italienerin habe ihm erzählt: „Für uns in Italien ist das ganz selbstverständlich. Endlich nimmt sich jemand des Themas an.“

Der nächste Schritt nach der Hausversammlung war die Bildung der zwei Projektgruppen, aus deren Mitte dann die Idee entstand, die Kirchheimer Inklusionstage zu veranstalten. Damit freilich ist das Thema für die Linde und ihre Kooperationspartner noch lange nicht abgehakt. Viele Gespräche werden notwendig sein, um den Kreis derer zu erweitern, die sich aktiv einbringen wollen. „Wir lernen bei dem Thema immer wieder neu dazu, aber wir erfahren auch, dass Inklusion immer selbstverständlicher wird“, sagt Matthias Altwasser.

„Man muss sich auf Andersartigkeit einstellen. Das tut unserer Gesellschaft gut“, ist Gabi Finkbeiner überzeugt. Jutta Ziller ist zuversichtlich, dass es weitergehen wird: „Alle haben viel Spaß damit.“ Die Projektgruppe trifft sich in der Regel einmal im Monat im Mehrgenerationenhaus und ist offen für Neuzugänge. „Das Thema ist schwierig, aber auch spielerisch leicht, wenn man sich darauf einlässt“, sagt der Leiter des Mehrgenerationenhauses.

Aktionsprogramm

Donnerstag, 2. Mai: Stadtspiel, Beginn 17 Uhr, Hocketse ab 19 Uhr. Die Teilnehmer erwarten acht spannende Spielstationen rund ums Thema Inklusion, unter anderem ein Rollstuhl- und ein Blindenparcours. Anmeldungen, egal welchen Alters, können unter s.deuschle@lebenshilfekirchheim.de abgegeben werden. Sollten noch Plätze frei sein, ist auch eine spontane Teilnahme möglich.

Für die Hocketse ist keine Voranmeldung notwendig. Bitte Suppenteller und Löffel mitbringen. Es gibt leckeren Eintopf.

Freitag, 3. Mai: Kunstaktion in der Fußgängerzone von 17 bis 19 Uhr, gestaltet von den Künstlern Gabriele Finkbeiner und Roland Kranz vom Kunstverein Kirchheim.

Samstag,

4. Mai: Filmtag im Kirchheimer Stadtkino. Gezeigt werden die Filme „Vorstadtkrokodile“ um 14 Uhr,

„Vincent will Meer“ um 17 Uhr, und „Me Too“ um 20 Uhr.
Zu „Vorstadtkrokodile“: Es geht um die Mutprobe des zehn­jährigen Hannes, der seine Rettung durch die Feuerwehr der Geistesgegenwart Kais verdankt. Kai aber sitzt im Rollstuhl und kann deshalb nicht Mitglied bei den „Krokodilen“ werden. Das ändert sich, als die Gang einen Einbruch aufklären will und dabei auf Kais Know-how angewiesen ist.

Zu „Vincent will Meer“: Vincent leidet am Tourette-Syndrom. Als er den letzten Wunsch seiner verstorbenen Mutter erfüllen will, beginnt ein turbulentes Abenteuer.
Zu „Me Too“: Daniel leidet am Downsyndrom. Als er sich nach einem Hochschulstudium in seine attraktive Kollegin Laura verliebt und diese Liebe schließlich erwidert wird, reagiert ihre Umwelt mit Unverständnis.

Der Eintritt zu allen Filmen ist frei.

Anschließend Disco im Stadtkino Kirchheim.

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