Inklusions-Konzert – Normal und doch ganz anders

Von Markus Rinke

Wer an schiefen Sound denkt, wenn Menschen mit Behinderung Musik machen, wurde am Donnerstagabend (07.03.2013) beim Abschlusskonzert eines ungewöhnlichen Projekts in Dortmund enttäuscht. WDR.de war beim Soundcheck von „Domo-Vision“ dabei.

Soundcheck für die Gruppe „Tatort Jazz“ auf der Bühne des „Freizeit-Zentrum West“ in Dortmund. Die tiefe Stimme des Sängers Bastian Ostermann schallt durch die Halle. Es sind die letzten Vorbereitungen für das große Konzert am Donnerstag Abend (07.03.2013). „Tatort Jazz“ ist eine von fünf Bands, die bei „Domo-Vision“ auftritt. Das Konzert ist der Abschluss eines Projekts an der Uni Dortmund. Damit endet das „Dortmunder Modell: Musik“. Fünf Bands mit insgesamt 60 Musikern mit und ohne Behinderung stehen auf der Bühne.

Mini-Casting für die Teilnehmer
Das „Domo“-Projekt“ („Dortmunder Modell Musik der Uni Dortmund“) hat eine besondere Herangehensweise für das Thema Musik und Behinderung gewählt, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Lis Marie Diehl: „Wir haben am Anfang viele Interviews geführt. Dabei haben wir nicht nur gefragt, wer gerne Musik macht, sondern auch, wer welche Vorlieben hat.“ Das war im Jahr 2010. Mehrere hundert Menschen mit Behinderung wurden angesprochen – es war fast so etwas wie ein Casting. Bastian Ostermann war auch dabei und hat dann im Uni-Chor angefangen. Dort ist seine tiefe, angenehme Stimme aufgefallen. „Wir haben ihn bei Konzerten gesehen und angesprochen. Bastian hat total Bock auf Musik und ist unfassbar flexibel“, so Lis Marie Diehl.

Am Anfang des Projekts habe man versucht, jedem Interessenten ein Angebot zu machen, so die Wissenschaftlerin. Im letzten Teil sei es dann mehr darum gegangen, dass diejenigen mitmachen, die Talent haben. So hat sich dann in der Zusammenarbeit mit Musikerin und Lehrerin Milli Häuser und dem Sänger Dennis Shafi-Azad ergeben. „Und die haben dann auch entschieden, in welche Richtung es weitergeht.“

Ein Autist „mit Neurose“
Sänger Bastian Ostermann ist konzentriert, seine Nervosität ist ihm nicht anzumerken. Dabei singt er gleich bei drei der fünf Gruppen mit, die am Donnerstagabend auftreten. „Musik bedeutet alles für mich“, sagt der Dortmunder. Er wirkt im Gespräch etwas abgelenkt. Die Augen irren umher, die Hände sind unruhig. Er wirkt lange nicht so souverän, wie auf der Bühne.

Bastian Ostermann ist Autist, wobei er von sich selber sagt: „Eigentlich bin ich eher etwas neurotisch veranlagt.“ Er arbeitet in einer anthroposophischen Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Und obwohl bei den Anthroposophen Musik, und vor allem die Musiktherapie, eine große Bedeutung hat, hat Bastian Ostermann mehrere Jahrzehnte nicht gesungen: „Die Musik ist ja fast klassisch, das ist nicht so modern, das war nicht so mein Ding. Und das waren auch Leute, die mir nicht so angenehm waren.“ So waren seit seinen letzten Auftritten in einer Schülerband im Jahr 1987 über 20 Jahre vergangen, bis er über die Uni Dortmund seine Leidenschaft neu entdeckt.

Projektende, aber weitere Konzerte geplant
Doch das Abschlusskonzert bedeutet nicht das Ende. Viele Teilnehmer mit Behinderung gehen jetzt zum Beispiel regelmäßig zur Musikschule. „Wir haben auch versucht, für die Bands weitere Konzerte zu akquirieren, um so den Fortbestand zu sichern“, erklärt Lis Marie Diehl.

Und da sieht es zum Beispiel für Bastian Ostermann gut aus: „Wir haben schon Auftritte in Hamm und in Fürth geplant“, freut er sich. Für ihn und viele andere war das Projekt eine Chance. Vorher war es undenkbar für ihn, auf die Bühne zu gehen und allein zu singen. Jetzt ist das so etwas wie eine Therapie: „Wenn ich auf der Bühne stehe, ist meine Neurose so gut wie verschwunden.“

Für Sie recherchiert
Ihr behindert-berrierefrei Team

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