Inklusion: Unternehmen wollen mehr für behinderte Mitarbeiter tun

Ist von Menschen mit Behinderung in der Wirtschaft die Rede, dann meistens mit Blick auf die gesetzliche Quote. Und auf die Frage, wie viele Unternehmen und Behörden mit 20 Mitarbeitern oder mehr nicht die geforderten fünf Prozent Behinderte beschäftigen. Unter der Marke zu bleiben kann teuer werden. Verfehlt eine Firma den Mindestanteil nur knapp, werden 115 Euro monatlich für jeden Arbeitsplatz fällig, der zum Erreichen der Quote fehlt. Wer unter zwei Prozent bleibt, muss sogar 290 Euro berappen. Das Geld fließt den Integrationsämtern zu, die damit Behinderte in der Arbeitswelt fördern.

Vor allem Großbetriebe in Rhein-Main müssen sich aber nicht mehr freikaufen. Ob der Flughafenbetreiber Fraport oder der Arzneimittelhersteller Sanofi, der Autobauer Opel oder der Großventile-Produzent Samson: sie alle lassen die Quote hinter sich. Opel etwa kommt auf 8,3 Prozent.

Merck stellt Beauftragten für Schwerbehinderte ein
Angesichts solcher Zahlen kann sich Hessens Wirtschaft im bundesweiten Vergleich bei der Behindertenintegration sehen lassen, wie die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände meint. Allerdings sehen die Firmen mit Blick auf die von den Vereinten Nationen seit 2008 geforderte gleichberechtigte Teilhabe von Behinderten an der Gemeinschaft – also Inklusion auch in der Arbeitswelt – noch Luft nach oben. So hat die Fraport AG sich einen Aktionsplan zur Inklusion gegeben, als erstes Unternehmen im Aktienindex M-Dax.

Der Pharma- und Chemiekonzern Merck ist noch nicht so weit, arbeitet aber an einem Inklusionsplan, wie es in Darmstadt heißt. Zuletzt unterschritt das im Dax gelistete Familienunternehmen die Fünf-Prozent-Quote hauchdünn: Ihm fehlten nach eigenen Angaben 0,04 Prozentpunkte. Merck kündigt nun ein Leitpapier an und hebt hervor, zum Januar einen hauptamtlichen Schwerbehindertenbeauftragten einzustellen. Unter Inklusion versteht der Konzern den Abbau von Barrieren nicht nur für Schwerbehinderte, sondern für alle Minderheiten. Seit 2002 verfüge Merck über eine Betriebsvereinbarung zur Integration.

Für Sanofi erarbeitet eine mit Vertretern von Unternehmen und Arbeitnehmern besetzte Gruppe Vorschläge, wie Schwerbehinderte noch besser in den Betriebsablauf eingebunden werden können. Außerdem ist Sanofi gerade dem Unternehmensforum beigetreten, einem Zusammenschluss von Betrieben, die Menschen mit gesundheitlicher Einschränkung oder Leistungsminderung die volle Teilhabe ermöglichen wollen.

Inklusion ist mehr als eine Quote
Diesem Zirkel gehört von Januar an auch Opel an. Schon seit 1960 verfügt der Rüsselsheimer Autobauer über eine Integrationsabteilung. 2002 folgte eine konzernweite Integrationsvereinbarung. Vor allem gesundheitliche Prävention stehe seit vielen Jahren im Vordergrund, heißt es. Um neue Ideen zu sammeln, war Opel im zu Ende gehenden Jahr Gastgeber einer Tagung der Schwerbehindertenbeauftragten der Autobranche und einer Podiumsdiskussion mit der Behindertenbeauftragten des Bundes. Titel: „Umparken im Kopf – Inklusion statt Separation“.

Frankfurter FlughafenFraport schließt mit dem Aktionsplan an seine Integrationsvereinbarung von 2001 an und greift die Vorgaben der 2008 in Kraft getretenen Behindertenrechts-Konvention der Vereinten Nationen auf. „Der Aktionsplan soll helfen, die Potentiale aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ob behindert oder nicht behindert, zu erkennen, diese richtig einzusetzen und somit das Miteinander zur Selbstverständlichkeit zu machen“, sagt denn auch Arbeitsdirektor Michael Müller. Diese Worte deuten schon an: Inklusion im Betriebsalltag bedeutet erheblich mehr, als nur die gesetzliche Quote einzuhalten.

In diesem Sinne hat sich Fraport eine Reihe von Zielen gesetzt. Das fängt mit Grundlegendem an: Vorgesetzte und Mitarbeiter müssen informiert werden. Behinderte Mitarbeiter von Fraport sollen künftig auf Veranstaltungen über die Fortschritte im Alltag sprechen, um Vorurteile und Klischees abzubauen. All jene Mitarbeiter, die im Laufe des Berufslebens nach einem Unfall oder einer Krankheit dauerhaft eingeschränkt sind, will Fraport arbeitsfähig halten, indem der Konzern den Arbeitsplatz auf sie zuschneidet, die Arbeitszeit flexibel gestaltet und die Möglichkeit zur Job-Rotation erweitert. Bei der Auftragsvergabe sollen auch Behindertenwerkstätten zum Zug kommen.

Nun nutzt der schönste Arbeitsplatz nichts, wenn er etwa für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar ist. Deshalb stellt es sich Fraport auch zur Aufgabe, Hindernisse wie zum Beispiel Bordsteine möglichst abzubauen und Schilder in Neubauten auch in Blindenschrift zu beschriften. Barrierefreiheit deutet der Flughafenbetreiber aber auch dahingehend, die Bedürfnisse von farbenblinden und sehbehinderten Beschäftigten zu beachten, wenn Präsentationen erstellt werden. Für Gehörlose werde auf Veranstaltungen ein Gebärdendolmetscher eingesetzt. Dies gelte auch in Fällen, in denen es betrieblich notwendig sei, folgt aus dem Aktionsplan. Nicht zuletzt will Fraport behinderte und nichtbehinderte Lehrlinge gemeinsam schulen. Vieles muss in der Zukunft im Alltag noch bestätigt werden. So sagt Betriebsratschefin Claudia Amier denn auch: „Inklusion ist ein permanenter Prozess, der nicht von selbst geschieht – sie muss von allen gelebt und geleistet werden.“

Für Sie recherchiert
Ihr behindert-barrierefrei Team

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