Inklusion-Netz: – „Kommunale Inklusionskonferenz“ – Landkreise Reutlingen, Tübingen, Ravensburg, Esslingen und Ludwigsburg

Inklusion der Netzwerker
„Kommunale Inklusionskonferenz“ heißt das Netz, mit dem der Kreis Reutlingen die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention umsetzt. Ein Modellprojekt. Vier Landkreise machen es nun Reutlingen nach.

Die Steintreppe im altehrwürdig repräsentativen Reutlinger Landratsamt ist hoch und steil und raubt einem den Atem. Eine Herausforderung seit 110 Jahren. Für Menschen mit Behinderungen auf dem Weg zur Kreisverwaltung ist sie ein großes Hindernis. Barrierefrei geht anders, das weiß auch der Reutlinger Landrat Thomas Reumann. Ein Aufzug würde helfen. Für den nächsten Haushaltsplanentwurf ist er vorgesehen. Ob der Kreistag zustimmt, muss sich weisen.

Auch für den Kreistag gilt die UN-Behindertenrechtskonvention. Angeregt vom nationalen Aktionsplan der Bundesregierung, hat der Landkreis vor zwei Jahren eine Kommunale Inklusionskonferenz initiiert und diese so erfolgreich betrieben, dass das vom Land Baden-Württemberg mit 100.000 Euro geförderte Modellprojekt Nachahmer gefunden hat. Seit Juni sind die -ebenfalls dabei, ein solches Netzwerk zu knüpfen. Das Ziel ist umfängliche und nachhaltige Inklusion.

Denn Inklusion soll mehr sein, als Menschen mit Behinderungen störungsfrei zu integrieren. Man habe bisher immer danach gefragt, wie man sie am besten in bestehende Strukturen einbeziehen könne, sagt Reumann. Die UN-Behindertenrechtskonvention geht weiter. „Uneingeschränkte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“ soll möglich sein. Auch Strukturen müssen geändert, nicht nur die Menschen an sie „angepasst“ werden. Das fordert besonders Gemeinden und Städte heraus. „Vom Fürsorgegedanken zur Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen“ gehe der Weg, „Eingliederungshilfe haben wir schon immer so verstanden, Menschen mit Handicaps einzubeziehen“, sagt Reumann

Im Kreis Reutlingen befinden sich große Behinderteneinrichtungen wie die Bruderhaus-Diakonie und die Eingliederungshilfe Rappertshofen. Aber auch die Erfahrungen, die man mit anderen Netzwerken bereits gemacht hatte, legten den Gedanken an eine Inklusionskonferenz nahe. So etwa der 2006 installierte „gemeindepsychiatrische Verbund“ oder die 2010 beispielhaft ins Leben gerufene „Kommunale Gesundheitskonferenz“.

Die Gesundheitskonferenz, Zusammenschluss aller relevanten Akteure und Berufsgruppen im Bereich, versteht sich als Steuerungsgruppe, die vom Landrat persönlich geleitet wird. Die inhaltliche Arbeit wird in Arbeitskreisen geleistet. Die Geschäftsstelle der Gesundheitskonferenz vernetzt die unterschiedlichen Ebenen miteinander, erstellt Grundlagen zur örtlichen Analyse in der Gesundheitsplanung, moderiert Prozess und Umsetzung. Dabei kommen Themen wie der Ärztemangel auf dem Land zur Sprache, Gesundheitsförderung und Vorsorge. „Der Gedanke, die Fäden in die Hand zu nehmen und zu strukturieren, war so faszinierend, dass wir ihn auf die Inklusionskonferenz übertragen haben.“ Irgendwie, sagt Reumann, „muss man die Spieler an einen Tisch bringen“.

Die Spieler, das sind neben dem Landrat als Vorsitzendem und seinem Stellvertreter, Prälat Christian Rose, 34 Vertreterinnen und Vertreter aus kommunalen Verwaltungen, Kirchen, Schule, Wohnungsbau, Wirtschaft, Kultur, Wohlfahrtspflege und Selbsthilfeeinrichtungen sowie drei gewählte Vertreter des „Beirats Selbsthilfe“. Dieser ist ein Forum aus Selbsthilfeorganisationen, Betroffenen und deren Angehörigen. Als Experten in eigener Sache sprechen sie über Mehrfachbehinderung, geistige Behinderung, psychische Beeinträchtigung, Sehbehinderung und Autismus.

„Wir haben nicht den weiten Inklusionsbegriff gewählt“, erklärt Reumann, „sondern haben uns auf Menschen mit Handicaps beschränkt.“ Konkrete Ergebnisse sind gefragt, kein Ausufern, und schon kein Überfordern.

Die von Susanne Blum geleitete Geschäftsstelle koordiniert und organisiert den Prozess. An erster Stelle haben sich die Mitgliedsorganisationen dazu verpflichtet, vor der eigenen Haustüre zu kehren, sprich: sich um die Barrierefreiheit ihrer Institutionen zu kümmern. In Kooperation mit der Kommunalen Gesundheitskonferenz wird ein Leitfaden erarbeitet, der barrierefreie Wege zum Arzt aufzeigt, und am Start befindet sich das Projekt „Inklusive Schule“, das zunächst eine Bestandsaufnahme geglückter und weniger geglückter Inklusionsbeispiele erarbeiten wird.

Dass sich mit Münsingen und St. Johann zwei Mustergemeinden der Thematik in Arbeitskreisen und Zukunftswerkstätten angenommen haben, ist Highlight der Aktion. Reumann weiß nur zu gut, dass der von der Inklusionskonferenz angestoßene Prozess nur erfolgreich sein kann, wenn er in den Kommunen Resonanz findet. „Der Weg zur Inklusion im Landkreis führt über die Gemeinden.“ Das ist wohl wahr. Der Weg zum Landrat führt vorerst aber immer noch über eine steile, atemraubende Treppe.

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