Inklusion: Junge mit Down-Syndrom darf auf Regelschule – doch es gibt viele offene Fragen

Für Kirsten Ehrhardt muss es sich streckenweise angefühlt haben wie ein Kampf gegen Windmühlen. Monatelang verschickte sie Pressemitteilungen, telefonierte mit dem Schulamt, redete sich den Mund fusselig – ohne Erfolg, wie es zunächst schien. Sie und ihr Mann wollten das aus ihrer Sicht Beste für ihren Sohn Henri, der das Down-Syndrom hat. „Wir wollten den Weg gehen, den die anderen Kinder auch gehen dürfen“, sagt die Mutter.

Nachdem der heute Zwölfjährige aus Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis) bereits seine Grundschulzeit an einer Regelschule verbracht hatte, sollte er auch mit seinen Freunden auf das örtliche Gymnasium oder die Realschule wechseln. Doch beide Schulen sperrten sich – und das zuständige Ministerium wollte ihnen den Jungen nicht gegen ihren Willen aufzwingen.

Kultusminister Andreas Stoch (SPD) empfahl Henris Eltern voriges Jahr die Werkrealschule sowie zwei Gemeinschaftsschulen in der Nähe, da diese Erfahrung mit der Einbindung behinderter Kinder hätten. Ehrhardt und ihr Mann lehnten das ab. Stattdessen ließen sie Henri die vierte Klasse wiederholen – und gewannen so Zeit.

Ihr Plan ging auf, inzwischen ist einiges passiert: Nach den Sommerferien wird Henri nun doch auf die Realschule in Walldorf wechseln, die ihn vergangenes Jahr noch abgelehnt hatte. Dort soll er in eine neu eingerichtete Klasse gehen, die sowohl behinderte als auch nicht-behinderte Schüler besuchen. „Er kennt dort natürlich viele Kinder und sie kennen ihn“, sagt Ehrhardt. „Er ist hier total verwurzelt.“ Sie und ihr Mann seien glücklich – und ihr Sohn auch. „Wir finden, dass es ein Happy End für Henri ist.“

Der Fall war ein Beispiel dafür, wie viele offene Fragen die sogenannte Inklusion an Schulen in der Praxis aufwirft. Das Thema haben alle Bundesländer auf der Agenda. Bei den Feinheiten hakt es jedoch oft. Der gemeinsame Unterricht mit körperlich behinderten Kindern ist an vielen Schulen längst Normalität. Doch im Walldorfer Fall geht es um einen geistig Behinderten, der wohl nie Abitur oder einen Realschulabschluss machen kann.

Im Südwesten brachte die grün-rote Landesregierung kürzlich einen Gesetzentwurf auf den Weg, mit dem zum kommenden Schuljahr die Sonderschulpflicht abgeschafft wird. Die neue Regelung habe im Fall Henri sicher eine Rolle gespielt, sagt der Landesbehindertenbeauftragte Gerd Weimer. „Ich bin sehr froh über diese Entwicklung und diese Entscheidung und wünsche Henri wirklich alles Gute.“ Er freue sich, dass es offenbar im Lehrerkollegium der Realschule ein Umdenken gegeben habe.

Der Landeschef des Philologenverbands, Bernd Saur, ist hingegen skeptisch. „Ich möchte nicht, dass so getan wird, als sei das jetzt der allein seligmachende Königsweg“, sagt er. „Denn dann hätten ja die zahlreichen Förderschulen im Land bislang keine gute Arbeit geleistet, und das kann ja keiner behaupten.“ Er sei nicht gegen Inklusion – solange ein Kind dem Unterricht folgen könne.

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