In der Schmieder-Klinik Konstanz – Zwei an MS Erkrankte finden beim Reha Aufenthalt die Liebe und heiraten.

Kirchheim – Eine Neubauwohnung am Rande der Kirchheimer Innenstadt. Barrierefrei. Neben dem Esstisch hängen viele Fotos: Nichten, Neffen und Patenkinder des Ehepaars Kraft. Die 43-jährige Monika Kraft serviert Bienenstich, Cappuccino und Bitter Lemon. Ihr Mann Michael, ebenfalls 43 Jahre alt, bekommt einen Strohhalm ins Glas. Kaffee und Kuchen schmecken, die Stimmung ist heiter.

Frau Kraft, Herr Kraft, wie erklären Sie einem Laien, was multiple Sklerose ist?

Monika Kraft: Wenn man unsere Köpfe in einen Computertomografen steckt, entdeckt man schwarze Löcher und Vernarbungen der Nerven, die durch Entzündungen entstanden sind. Bei meinem Mann und mir sind unterschiedliche Bereiche des Gehirns betroffen, daher äußert sich MS bei uns auch anders. Ich habe Gedächtnisschwierigkeiten, epileptische Anfälle und bin insgesamt körperlich geschwächt …

Michael Kraft: … und ich sitze seit fünf Jahren im Rollstuhl.

Das muss eine schwierige Situation sein, wenn beide Ehepartner behindert sind.

Michael Kraft: Im Gegenteil. Da wir beide MS haben, gehen wir sehr verständnisvoll miteinander um. Moni weiß genau, was ich meine, wenn ich sage: „Heute geht es mir nicht gut.“ Als Betroffener kann man sich besser in den anderen hineinversetzen. Außerdem ergänzen wir uns: Ich habe ein gutes Gedächtnis, und Moni kann meine körperlichen Defizite weitgehend ausgleichen.

Ich stelle mir vor, dass Sie im Alltag spezielle Herausforderungen meistern müssen.

Monika Kraft: Selbstverständlich. Michael kann nun einmal manche Dinge nicht, die eine Frau gemeinhin von ihrem Mann erwartet. Getränkekisten schleppen beispielsweise oder den Abfluss der Dusche reinigen. Und wenn ich Urin von seinem Rollstuhl wischen muss, weil er es nicht rechtzeitig auf die Toilette geschafft hat, ist das auch nach mehr als fünf Jahren Ehe keine Tätigkeit, die mir Vergnügen bereitet. Aber solche Dinge spielen keine entscheidende Rolle, wenn man einen Menschen so sehr liebt wie ich Michael.

Michael Kraft: Früher dachte ich: Ich werde niemals eine Frau finden, ich werde mich darauf einstellen müssen, alleine zu leben. Als bei mir MS ausbrach, verabschiedete sich meine damalige Freundin mit den Worten: „Ich mag dich zwar, aber ich habe keine Lust, ein Leben lang deine Krankenschwester zu sein.“

Aber dann haben Sie glücklicherweise Ihre heutige Frau kennengelernt.

Michael Kraft: In einer Rehaklinik.

Monika Kraft: Michael hat mir sofort gefallen. Wir waren zusammen in einer sogenannten Entspannungsrunde. Anschließend habe ich zu ihm gesagt: „Bursche, du siehst so aus, als hättest du frische Luft nötig. Dich zieh ich heute Abend durch den Park.“ Super Anmache, oder?

Konnten Sie damals noch laufen, Herr Kraft?

Michael Kraft: Mehr schlecht als recht, auf einen Gehwagen gestützt. Aber Moni hat das Ding überhaupt nicht beachtet.

Was haben Sie für ein Leben vor der Krankheit geführt?

Michael Kraft: Ich war bei der Bundeswehr, habe angefangen, Anglistik und Germanistik zu studieren, war Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung, im Vorstand eines Blasorchesters, habe eine Werkszeitung aufgebaut und am Stadttheater gejobbt. Ich hab’s mir voll gegeben – bis ich 1996 mit der Diagnose MS konfrontiert wurde. Ich hatte auf dem linken Auge einen grauen Fleck, der immer größer wurde. Eine solche Sehnerventzündung ist der klassische Einstieg in die Krankheit. Der Neurologe hat mich mit einem Rezept für 1000 Milligramm Cortison zur Apotheke geschickt. Ohne nach links und rechts zu gucken, bin ich über die Straße gegangen. Ich dachte: „Wenn mich ein Laster erwischt, ist es mir grad recht.“

Monika Kraft: Ich war viele Jahre deutschlandweit als selbstständige Softwaretrainerin unterwegs. Mit dem Job habe ich ein Schweinegeld verdient und es auch gerne ausgegeben. Ein Audi TT war mein Lieblingsspielzeug. Zum Glück war ich zumindest so vernünftig, eine private Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. 1998 hatte ich eines Nachts meinen ersten epileptischen Anfall und bin in der Notaufnahme des Stuttgarter Marienhospitals gelandet. Das war der Anfang vom Ende meiner Karriere. Es hat dann noch ein gutes halbes Jahr gedauert, ehe ich einen Befund hatte.

Und dann?

Monika Kraft: Ich habe Spritzen bekommen: Interferone. Trotzdem folgten weitere Krankheitsschübe. Nach diesem Fehlversuch wurde ein Medikament gefunden, das mir sehr gut hilft. Bei Michael hat dieses Präparat übrigens überhaupt nicht gewirkt. Auch das ist typisch für MS.

Ihnen sieht man die Krankheit nicht an. Führt das zu Missverständnissen?

Monika Kraft: Ja. Ich kann nicht lange stehen, und wenn mich jemand fragt, was ich gestern gemacht habe, muss ich erst einmal nachdenken. Ich sollte den Leuten schnell erklären, dass ich MS habe. Aber es fällt mir noch immer schwer, in jeder Situation offen über meine Behinderung zu sprechen.

MS ist eine Krankheit, mit der sich alle großen Pharmaunternehmen intensiv beschäftigen. Die Forschung dringt dabei auch in ethische Grenzbereiche vor. Stichwort: embryonale Stammzellen. Machen Sie sich als Betroffene darüber Gedanken?

Michael Kraft: Ich war einmal als Journalist bei einer christlichen Organisation eingeladen. Deren Pressesprecherin erklärte mir: „Man muss stets die Würde des ungeborenen Lebens schützen.“ Ich entgegnete ihr: „Und wer schützt die Würde des geborenen Lebens?“ So sehe ich das.

Es gibt Theorien, die besagen, dass MS eine westliche Zivilisationskrankheit ist: zu viel Stress, falsche Ernährung.

Michael Kraft: Tatsächlich gab es Momente, in denen ich dachte: „Ich bin selbst schuld, dass ich krank geworden bin.“ Ich habe geraucht, gerne Alkohol getrunken, wenig geschlafen und viel gearbeitet. Aber schon bei meiner ersten Reha sagte mir der Stationsarzt: „Vergessen Sie diesen Quatsch. Für MS gibt es eine genetische Disposition. Früher oder später wären Sie daran erkrankt, egal wie sehr Sie auf Ihre Gesundheit geachtet hätten.“ Ich habe damals für mich beschlossen: in der Vergangenheit herumzustochern bringt mich nicht weiter. Wir haben Frieden mit unserer Krankheit geschlossen, gell Moni?

Monika Kraft: Wichtig ist, dass man sich nicht einigelt, sondern die Möglichkeiten ausschöpft, die einem trotz MS bleiben. Ich jobbe jetzt stundenweise im Altenheim als Animateurin: basteln, malen, lesen. Die Senioren freuen sich jedes Mal riesig, wenn sie mich sehen. Hinterher fühle ich mich zufrieden – und platt. Dann müssen wir den Pizzaservice bestellen, denn zum Kochen bin ich nicht mehr in der Lage.

Michael Kraft: Finanziell sind wir unabhängig. Wir bekommen von unseren Versicherungen insgesamt etwa 2000 Euro im Monat. Damit kann man keine großen Sprünge machen, aber es reicht für ein bequemes Leben. Das empfinde ich als Luxus. Wäre ich nicht krank geworden, würde ich heute vermutlich als Lokalredakteur über irgendwelchen Kleinkram berichten. Stattdessen erledige ich ehrenamtlich die Pressearbeit für ein Buddhistisches Zentrum und einen Weltladen und nehme als freier Mitarbeiter für den „Teckboten“ monatlich ein bis zwei Termine wahr, auf die ich wirklich Lust habe. Ich bin ein Glückskind.

Mit Verlaub: Sie sind schwer behindert.

Michael Kraft: Na und? Mir ging es noch nie so gut wie heute. Ich kann nicht mehr reisen, aber ich genieße es dafür umso mehr, in meinem Rollstuhl samstags auf dem Kirchheimer Wochenmarkt einzukaufen. Als Gesunder kann man die Freude an solchen Kleinigkeiten nicht nachempfinden. Und im übrigen: hätte ich nicht multiple Sklerose bekommen, wäre ich niemals meiner Moni begegnet.

Gibt es nichts, was Sie vermissen?

Monika Kraft: Doch, meinen Audi TT.

„Frieden mit der Krankheit“
Frank Buchmeier,

Für Sie recherchiert:

Ihr behindert-barrierefrei Team
Willi Lang

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