In Köln sind rollstuhlgerechte Wohnungen Mangelware

Geschätzt 1000 Kölner suchen

Allein im vergangenen Jahr gingen bei der Stadt rund 400 Anträge auf einen Wohnberechtigungsschein mit dem Zusatz „Bewerber für eine behindertengerechte Wohnung“ ein. „Diese Zahl ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Denn viele stellen gar keinen Antrag, weil sie nicht wissen, wie das geht, oder weil sie keine Hoffnung auf Erfolg haben“, sagt Horst Ladenberger vom „Zentrum für selbstbestimmtes Leben“. Ladenberger, der als Sachkundiger Bürger für die Grünen im Sozialausschuss sitzt und selbst auf den Rollstuhl angewiesen, schätzt, dass aktuell zwischen 800 und 1000 Kölner eine rollstuhlgerechte Wohnung suchen. Wer als Rollstuhlfahrer von außerhalb in die Stadt ziehen möchte, habe von vorneherein kaum eine Chance.Eine Erfahrung, die auch Erika Küllchen von der Beratungsstelle „Wohn Mobil“ teilt. Die Kontaktstelle betreut Menschen, die aufgrund von Behinderung oder Krankheit ihre Wohnung wechseln müssen. In ihrer Datenbank befinden sich rund 600 Antragsteller, die dringend auf eine barrierefreie oder rollstuhlgerechte Wohnung warten. Die Beratungsstelle kann sich vor Anfragen kaum retten und hat deshalb bis Juni einen Annahme-Stopp für neue Fälle verhängt. „Wir führen eine lange Warteliste, die wir erst einmal abarbeiten müssen“, so Küllchen.

Keine einzige Sozialwohnung in der Innenstadt

Nach Angaben der Verwaltung konnten im Jahr 2016 lediglich 124 Haushalten mit einer rollstuhlgerechten Wohnung versorgt werden. Neben dem grundsätzlichen Mangel erschwert auch die ungleiche Verteilung solcher Wohnungen eine Vermittlung. So wurde zuletzt in den Bezirken Innenstadt, Rodenkirchen, Nippes und Porz nicht eine einzige Sozialwohnung gefördert, in Lindenthal waren es lediglich 15 Wohnheimplätze. Gerade für Behinderte ist das gewohnte Wohnumfeld aufgrund der oft schwerwiegenden Erkrankungen aber besonders wichtig, also die Nähe zu den behandelnden Ärzten, zu Pflegediensten, Angehörigen und anderen sozialen Netzwerken.

Angst vor Investoren-Abschreckung

Dass sich an der Situation in nächster Zeit etwas ändert, ist nicht zu erwarten. Gerade erst hat der Landtag NRW die bereits beschlossene neue Bauordnung wieder gekippt. Diese sah unter anderem eine verbindliche Quote für rollstuhlgerechte Wohnungen bei Neubauten vor. Doch die wird es wohl nicht geben. Zu groß war angesichts der Wohnungsnot offenbar die Angst, potenzielle Investoren könnten von den erhöhten Anforderungen abgeschreckt werden.

Behindertenbeauftragte der Kommunen wie auch der Sozialverband Deutschland haben dies heftig kritisiert. Auch Horst Ladenberger hält die Argumente für nicht stichhaltig. „In Städten wie Köln sind das größte Hemmnis für den sozialen Wohnungsbau die fehlenden Grundstücke.“

Stufenlos leben – was heißt das?

Barrierefreie Wohnungen dürfen keine Stufen oder Schwellen aufweisen und müssen über extra breite Türen sowie bodengleiche Duschen verfügen.

Im Unterschied dazu müssen Wohnungen für Rollstuhlfahrer zusätzliche Bedingungen erfüllen. Dazu gehören neben niedrig angebrachten Fenster- und Türgriffen zusätzliche Flächen in Flur und Bad, um mit dem Rollstuhl rangieren zu können. Außerdem müssen Arbeitsflächen, etwa in der Küche, unterfahrbar sein.

Ist eine Wohnung als barrierefrei gekennzeichnet, bedeutet das nicht automatisch, das dies für das gesamte Gebäude gilt. So werden zwar alle geförderten Sozialwohnungen barrierefrei gebaut, aus Kostengründen aber oft auf den Einbau eines Aufzugs verzichtet. Solche Wohnungen sind für Rollstuhlfahrer gar nicht zu erreichen.

Vorheriger Beitrag
Video: Rollstuhl Polizei Kontrolle Thailand
Nächster Beitrag
Rollstuhl Hotel Rolli Anamur Türkei barrierefrei

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Perry Walczok
    2. März 2018 10:34

    Dass die jetzige Landesregierung die Verordnung gekippt hat, verwundert nicht wirklich. Denn sowohl die CDU als auch FDP sind eher der Wirtschaft als bedürftigen Menschen zugewandt. Demzufolge wird es auch noch viele Jahre dauern, bis die private Wirtschaft zur Barrierefreiheit verpflichtet. wird. Dabei geht es nichtnur um archtektonische Anpassung sondern auch um bedienerfreundliche Produkte und verständlichere Bedienungsanleitungen. Um so mehr hoffe ich dass es zur GroKo kommt. Sonst sehe ich für uns Menschen mit Behinderung sehr skeptisch und teils auch ängstlich in die Zukunft.

    Antworten
  • Alexandra K.
    1. März 2018 11:37

    Nicht nur in Köln! Mindestens doppelt so schwierig wird es, wenn man mit 3-4 Personen eine rollstuhlgerechte Wohnung sucht ? und da ist es auch egal, was man dafür ausgeben könnte …. Würde eigentlich nur noch selbst bauen in Betracht kommen, wenn man (Frau ?) sich das mal leisten könnte.
    Ich denke oft, es müssten sich einfach Mal einige Rollifahrer zusammen tun und einen Investor für ein Mehrfamilien Haus suchen ??

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

sechs + 6 =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0
Abonnenten bei YouTube Kanal barrierefrei1
Menü