Ich will einen Freund und ich will Sex – Kinderwunsch trotz Behinderung birgt Probleme

Witten.   „Ich will einen Freund und ich will Sex. Und ein KInd will ich auch.“ So lautete der Titel eines Vortrags beim Fachtag zum Thema „Sex und Behinderung“. Was es bedeutet, wenn der Kinderwunsch Wirklichkeit wird, das wissen Stefan Lankers und Julia Lenze von der Lebenshilfe.

Jeder hat das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und damit das Recht, eine Familie zu gründen. Das sollte auch für behinderte Menschen gelten. Auf einer Fachtagung (wir berichteten) trafen sich in dieser Woche Experten von der Basis, also aus Einrichtungen, die dieses Klientel betreuen. Und die wissen, dass das alles längst nicht so einfach ist. „Das hohe Ziel der Inklusion funktioniert im praktischen Leben nicht automatisch“, sagt Stefan Lankers (41), Bereichsleiter Wohnen bei der Lebenshilfe.

Weitsicht für Lebensplanung fehlt
Problematisch sei vor allem die Sache mit der Familiengründung. Wobei man unterscheiden müsse zwischen Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung. Um erstere gehe es dabei. Natürlich komme es vor, hauptsächlich im Bereich des ambulant betreuten Wohnens, dass Paare einen Kinderwunsch äußern. Etwa vier bis fünf von 40 Klienten in der Lebenshilfe-Werkstatt seien tatsächlich Eltern geworden. Diese Beispiele hätten gezeigt: „Spätestens mit Beginn des Kindergartenalters, allerspätestens in der Grundschule erfolgt die Trennung durch das Jugendamt, dass dann zuständig ist“, so Lankers.

Denn dem Paar fehle nicht nur die Weitsicht für die eigene Lebensplanung, sondern schlicht die Fähigkeit, das Kind fördern zu können. Und das Kind, das in der Regel ohne geistige Behinderung zur Welt komme, sei irgendwann den Eltern überlegen.

Entsprechende Unterstützungssysteme und Hilfen gebe es einfach noch nicht, sagt Reha-Wissenschaftlerin Julia Lenze, die im ambulant betreuten Wohnen der Lebenshilfe arbeitet. Sie weiß: „Diese Hilfe fordert extrem viel persönlichen Einsatz.“ Und obwohl Mutter oder Vater mit dem Kind gleich nach der Geburt in ein Mutter-Kind-Haus kommen, laufe es fast immer auf eine Trennung hinaus. Erst neulich habe ein Kind nach fünf Jahren in solch einer stationären Einrichtung doch in einer Pflegefamilie untergebracht werden müssen.

Künstliches Hilfesystem notwendig

„Leidtragende“, sagt Stefan Lankers, „sind also immer die Kinder“. Oft bilden sie aufgrund der schwierigen Situation außerdem Entwicklungsverzögerungen aus. Ein künstliches System sei notwendig, um für alle Beteiligten gute Bedingungen zu schaffen. „Doch jedes Setting, bei dem intensive Hilfe von außen dazu kommt, weicht ab vom normalen Familienleben.“ Deshalb setzt die Lebenshilfe nicht nur darauf, vorbeugend ein Bewusstsein für die große Verantwortung zu schaffen, die Elternsein bedeutet.

„Der beste Weg ist Aufklärung.“ Inzwischen gehe man in den Einrichtungen offener damit um. „Es gibt Fortbildungen für die Betreuer, bei Fragen stehen sie Rede und Antwort.“ Nicht zuletzt sei auch in Förderschulen Aufklärung Unterrichtsthema.

Ansonsten, sagt Julia Lenze, spiegele die Beziehungspalette behinderter Menschen durchaus den gesellschaftlichen Trend wider. Viele leben in Partnerschaften. Manche allerdings auch ohne Sex.

WAZ Annette Kreikenbohm

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