Hoffnung für Schlaganfall-Patienten Katheter-Eingriff bewahrt vor dauerhaften Folgeschäden

 Hoffnung für Schlaganfall-Patienten

Bei dem Eingriff, der meist etwa 30 bis 45 Minuten dauert, schiebt ein Neuroradiologe einen Mikrokatheter von der Leiste durch die Aorta bis in das betroffene Blutgefäß. (Medtronic und Covidien, dpa)

Die Szenen stammen aus einem Video, das das Krankenhaus auf YouTube gestellt hat. Die Geschichte mag eine gute Werbung für die Schlaganfall-Station der Klinik sein, ein Einzelfall ist sie nicht. Das zeigen die Ergebnisse zweier Studien, die im renommierten „New England Journal of Medicine“ („NEJM“) erschienen sind. Sie wurden vor wenigen Wochen auf einem Kongress im schottischen Glasgow vorgestellt.

„Das war eindeutig das bestimmende Thema der Konferenz“, sagt Professor Hans-Christoph Diener von der Uniklinik Essen, Ko-Autor der sogenannten Swift Prime-Studie. „Die Leute haben während der Vorträge applaudiert, das passiert nicht oft.“ Der Grund für die Euphorie: Gemeinsam mit drei weiteren Untersuchungen zeigen die Studien, dass die sogenannte endovaskuläre Therapie viele Schlaganfall-Patienten vor dauerhaften Behinderungen bewahren kann. „Wir stehen an der Schwelle zu einer Revolution bei der Akut-Therapie des Schlaganfalls“, sagt Jovin, der an beiden Studien mitwirkte.

Gerinnsel wird entfernt

Worum geht es? In Deutschland erleiden jährlich etwa 260 000 Menschen einen ischämischen Schlaganfall. Dabei verschließt ein Gerinnsel ein Blutgefäß, dass das Gehirn versorgt. Die unterbrochene Blutversorgung lässt Nervenzellen absterben. Etwa jeder dritte Patient bleibt danach dauerhaft behindert – etwa durch Lähmungen oder Sprachprobleme. Um das Gefäß wieder zu öffnen, setzen Mediziner bisher darauf, den Blutpfropf durch Medikamente zu lösen. Doch bei Blutgefäßen, die große Hirnareale versorgen, reicht das meist nicht aus. In solchen Fällen, bei großen Schlagadern im vorderen Hirnkreislauf, kann zusätzlich ein Katheter-Eingriff entscheidend helfen.

Bei dem Eingriff, der in Deutschland bereits durchgeführt wird – in Bremen am Klinikum Mitte – und meist etwa 30 bis 45 Minuten dauert, schiebt ein Neuroradiologe einen Mikrokatheter von der Leiste durch die Aorta bis in das betroffene Blutgefäß. Dann sticht er durch das Gerinnsel hindurch, wobei er das Vorgehen auf einem Monitor verfolgt. Aus dem Katheter entfaltet sich ein Geflecht aus feinem Draht nach außen und verhakt sich am Blutpfropf. Den kann der Mediziner aus dem Gefäß zurückziehen und aus dem Körper entfernen. Wenn alles gut geht, wird das Hirngewebe danach durchblutet. „Es ist ein Rennen gegen die Zeit“, erläutert Jovin. „Je früher man den Blutfluss im Gehirn wiederherstellt, desto mehr Gehirn rettet man und desto höher ist die Chance für einen guten Ausgang.“

Für das Verfahren kommen in Deutschland jährlich etwa 20 000 Menschen mit ischämischem Schlaganfall infrage, sagt der Neuroradiologe Jens Fiehler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dies seien gerade jene Patienten, bei denen große Hirngefäße verstopft sind und denen daher besonders schwere Behinderungen drohen.

Wird ein Patient zu einer der bundesweit über 260 Stroke Units – Schlaganfall-Zentren – gebracht, weisen drastische Beeinträchtigungen wie Sprachverlust oder schwere Lähmungen darauf hin, dass er für die neue Therapie infrage kommt. Abgeklärt wird der Verdacht durch eine sogenannte CT-Angiographie. 60 Zentren haben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie die Expertise für die neue Therapie. Patienten aus kleineren Kliniken müssen möglichst schnell in solch ein Zentrum gebracht werden.

Nach einem Schlaganfall verstreicht nach Einschätzung von Experten bei einem Großteil der Patienten noch zu viel Zeit, bevor sie einen Arzt aufsuchen. „Nur zehn Prozent der Patienten kommt innerhalb einer Stunde in die Klinik“, sagt der Neurologe Professor Darius Nabavi. Dabei seien gerade die ersten Stunden nach einem Hirninfarkt oder einer Hirnblutung entscheidend, will man Behinderungen vorbeugen.

Innerhalb von drei Stunden gelange zwar ein gutes Drittel der Patienten in die Klinik. „Aber dieser Anteil ist seit Jahren nahezu unverändert“, sagte Nabavi, der auch Vorsitzender der Stroke-Unit-Kommission der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) ist. „Sobald der Notruf 112 gewählt wurde, funktioniert die Versorgung in Deutschland nahezu perfekt.“Vorher sei es eine Mischung aus mangelnder Eigenwahrnehmung, Unwissen und auch Scham, die Betroffene und auch Angehörige zum Abwarten verleite. Manche gingen wider besseren Wissens nicht in die Klinik. Dass Patienten aber oft auch schnell und zielgerichtet versorgt werden, ist nach Angaben der Schlaganfall-Hilfe mit ein Grund für rückläufige Sterberaten bei Betroffenen.

Auch Jüngere betroffen

Mankos sehen Experten noch bei der Nachsorge: „Uns gehen dabei zahlreiche Patienten verloren – etwa wenn sie Depressionen entwickeln oder Koordinations- und Sprachstörungen haben, bestehende Angebote aber nicht wahrnehmen“, sagt Professor Matthias Endres, Direktor der Klinik für Neurologie und des Centrums für Schlaganfallforschung der Berliner Charité. Auch bei Patienten mit Bluthochdruck oder Vorhofflimmern steige das Risiko für einen neuerlichen Schlaganfall, wenn sie unbehandelt blieben. Vorbeugende Medikamente wie Blutverdünner nehmen Patienten Studien zufolge auf Dauer nicht regelmäßig ein: Anders als etwa bei Schmerzmitteln gebe es keinen „Belohnungseffekt“, wenn sie ihre Tabletten einnehmen.

Projekte mit sogenannten Schlaganfall-Lotsen, die sich um Betroffene kümmern, gibt es nach Angaben Nabavis noch nicht in der gewünschten Breite: Lotsen vereinbarten mit Patienten etwa, dass sie regelmäßig zum Arzt gehen oder selbstständig ihren Blutdruck überwachen. Je nach sozialem Status, Bildung und Umfeld sei das nicht selbstverständlich.

Laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe sind die Patienten im Schnitt sind die Patienten deutlich über 70 Jahre alt. Aber auch unter 30-Jährige sind zunehmend betroffen, wie Nabavi betont. Überlebende bleiben oft stark eingeschränkt.

Ärzte unterscheiden je nach Ursache verschiedene Formen des Schlaganfalls. Sie sprechen vom „Hirninfarkt“, wenn der Schlaganfall durch eine Mangeldurchblutung (Ischämie) des Gehirns hervorgerufen wurde, oder von einer „Hirnblutung“, wenn der Schlaganfall durch Austritt von Blut in das Hirngewebe verursacht wurde.

Stroke Unit

◼ Stroke Units sind Stationen an Kliniken, die auf die schnelle und zielgerichtete Behandlung von Schlaganfall-Betroffenen spezialisiert sind. Ihre Zahl ist in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland stetig angewachsen: Mehr als 260 Stroke Units hat die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft zertifiert. Das heißt, dass sie eine Reihe von Kriterien erfüllen, um Schlaganfall-Patienten zu versorgen. Kleinere Lücken im Netz gibt es Experten zufolge in stukturschwachen Regionen, etwa in Teilen Ostdeutschlands. Auf der Spezialstation bleiben Betroffene meist nur wenige Tage. In Bremen befindet sich die Stroke Unit am Klinikum Mitte.

 

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