Hessen: Tiefe Gräben bei Inklusion – Hessen ist im Ländervergleich eines der Schlusslichter bei der Inklusion

Der Streit um gemeinsamen Unterricht für behinderte und nicht behinderte Kinder wird schärfer. Die Opposition warf der schwarz-gelben Koalition am Mittwoch im Landtag „schäbige Politik“ vor. Diese spricht von einer „infamen Kampagne“.

„Henzler fährt inklusiven Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung an die Wand“ – so war der Antrag überschrieben, mit dem die Grünen das Thema Inklusion auf die Tagesordnung des Landtags gebracht hatten. Ihr bildungspolitischer Sprecher Mathias Wagner griff Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) wegen der auch bei Eltern und Lehrern umstrittenen Inklusions-Verordnung des Landes scharf an. Er warf ihr „eine schäbige, ideologische Politik auf dem Rücken der schwächsten Schülerinnen und Schüler“ vor.

Henzler-Kritiker: Wille fehlt

Das Kultusministerium habe bislang nichts getan, um die seit drei Jahren bestehende Inklusions-Forderung der UN-Konvention zu erfüllen, nach der für behinderte Kinder der Besuch von Regelschulen zur Normalität werden soll. Es gebe dafür kein Geld, die Elternbeiräte lehnten Henzlers Inklusions-Verordnung ab, Schulämter und Schulen seien auf sich alleine gestellt, so Wagners Kritik. Dieses „unverantwortliche Verhalten“ spreche dafür, dass die Regierungskoalition die Inklusion absichtlich scheitern lassen wolle.

„Inklusion in hessischen Schulen ist unerwünscht“, befand auch die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Heike Habermann. Betroffene Eltern würden von der Landesregierung entmutigt, weil sie nicht wüssten, ob an Regelschulen die Voraussetzung zur optimalen Förderung ihrer Kinder getroffen würden. Nach Ansicht von Barbara Cárdenas (Linke) wird es für Kinder mit Förderbedarf in Hessen sogar noch schwieriger, weil das neue Schulgesetz für „eine fortgesetzte Auslese“ stehe.

Ministerin: Inklusion braucht Zeit

Kultusministerin Henzler (FDP) wies die Vorwürfe zurück. In Hessen sollten in Zukunft Kinder mit Förderbedarf nicht nur in einigen wenigen, sondern in jeder Klasse integriert werden können. Dieser Prozess brauche Zeit, weil die Schulen umdenken und die Strukturen angepasst werden müssten, so Henzler. Eltern behinderter Kinder sollten auch in Zukunft zwischen Förderschule und Regelschule wählen können.

Rückendeckung erhielt die FDP-Ministerin vom Bildungsexperten ihrer Fraktion, Mario Döweling. Er warf den Kritikern vor, die Fortschritte nicht sehen zu wollen. Die gefunde Regelung zur Inklusion „orientiert sich an der Wirklichkeit und baut keine ideologischen Luftschlösser“, sagte er.

Der CDU-Landtagsabgeordneten Günter Schork warf vor allem den Grünen „eine infame Kampagne auf dem Rücken behinderter Kinder“ vor. Dahinter stehe das Ziel, die bewährten Förderschulen abschaffen und eine „Einheitsschule“ einführen zu wollen. Die bestehenden Angebote ermöglichten eine individuelle Förderung von Kindern, die nicht in eine Regelschule gezwängt werden dürften.

Schlechte Noten von Eltern und Studie

In der vergangenen Woche hatten rund 3.000 Schüler, Eltern und Lehrer in Frankfurt demonstriert, weil das Land ihrer Meinung nach zu wenig in Sachen Inklusion unternimmt. Aus dem gleichen Grund folgten am Dienstag rund 600 Menschen einem Aufruf der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft(GEW) zum Protest vor dem Kultusministerium in Wiessbaden.

Eine vor kurzem veröffentlichte Bildungsstudie der Bertelsmann-Stiftung erteilt dem Land Hessen auf diesem Gebiet ebenfalls schlechte Noten. „Hessen ist im Ländervergleich eines der Schlusslichter bei der Inklusion“, heißt es darin.

Für Sie recherchiert:

Ihr behindert-barrierefrei Team
Willi Lang

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