Video: Ein Tag im Allgäu – Urlaub mit dem Rollstuhl – Spät-Sommer-Winter-Sonne im Hotel Viktoria, Oberstdorf

Ein sonniger Herbsttag im Allgäu, die Wiesen leuchten unwirklich grün, das trocknende Heu duftet wie ein Kräuterbad. Hans-Georg Panzer sieht aus, als wäre er einem solchen gerade entstiegen, so nass sind seine Haare. Aber Hans-Georg Panzer badet nicht. Er schwitzt. „Ich hätt‘ ja einen elektrischen mieten können“, sagt seine Tante Ruth in norddeutschem Singsang „aber du hast wohl Angst, dass. . .“ Hans-Georg Panzer weiß schon, was jetzt gleich kommt. „Ja“, unterbricht er sie: „Ich hab Angst, du fährst mir fort.“ Ruth Pontow aus Brandenburg – 86 Jahre alt, Strickjacke, Mantel, ein geblümtes Tuch über den Knien – schwitzt trotz der Spätsommersonne nicht. Sie sitzt im Rollstuhl. Und ihr Neffe schiebt.

Was hier bloß anstrengend ist, wäre fast überall sonst in den bayerischen Bergen unmöglich. Aber Ruth Pontow und ihr Neffe machen Urlaub im Hotel Viktoria in Oberstdorf. Die geführten Wanderungen auf ebenen, gut befestigten Wegen gehören zum Ausflugsprogramm des Hotels, das Rollstuhlfahrern barrierefreien Urlaub bietet. 33 der 38 Zimmer sind rollstuhlgerecht: Um die Betten herum ist genügend Platz, in den Bädern gibt es Haltegriffe, der Aufzug ist breiter als gewöhnlich, das Restaurant hat hohe Tische, unter die ein Rollstuhl passt. Sogar den Wellnessbereich mit Sauna, Dampfsauna und Schwimmbecken können Rollstuhlfahrer nutzen.

Die Entwicklung läuft schleppend

Reisen für Menschen mit Behinderung sind noch immer eine Nische im Tourismus. Auch in Bayern, dem beliebtesten Reiseziel unter den deutschen Bundesländern, haben nur wenige Hotels diese Zielgruppe für sich entdeckt. Es gehe zwar nach und nach voran, sagt Edi Schieder, ehrenamtlicher Tourismusberater beim Sozialverband VdK Bayern, „aber die Entwicklung läuft sehr schleppend.“ Ob der Freistaat im Jahr 2023 komplett barrierefrei sein werde, wie Horst Seehofer nach seiner Wiederwahl angekündigt hat? „Das können Sie vergessen“, sagt Edi Schieder.

Mit dem Altern der Bevölkerung wächst auch die Zahl derer, die körperlich eingeschränkt sind. Das Ehepaar Zillessen ist zum fünften Mal im Hotel Viktoria zu Gast. Bei ihrer Ankunft haben die Beiden gleich für nächsten und übernächsten Sommer reserviert. „Sonst hätten wir keine Chance auf unser Wunschzimmer“, sagt Christel Zillessen. Seit einem Schlaganfall vor sieben Jahren ist ihr Mann Christoph auf der linken Körperseite gelähmt. Jeder kleine Ausflug ist seitdem ein langwieriges, anstrengendes Projekt. Und das Label „barrierefrei“ führt längst nicht jedes Hotel zu Recht. „Oft hängen die Haltegriffe im Bad an der falschen Stelle“, erzählt Christel Zillessen, „oder unter der Dusche steht kein stabiler Stuhl, sondern nur ein wackliger Hocker“.

Die Bergwanderungen, die das Ehepaar aus Mannheim vorher so gern gemacht hat, schienen jahrelang unmöglich zu sein. Jetzt fährt Christoph Zillessen fröhlich in seinem E-Mobil durch die grünen Hobbithügel zwischen Oberstdorf und Fischen. Auf einer Anhöhe hält er an, blickt über die Landschaft bis hinüber zur Hörnergruppe und sagt: „Jetzt bin ich rund und dick vor Glück.“ Die Zillessens haben im Hotel Viktoria noch mehr gemietet als ein geräumiges Zimmer, in dem die richtigen Hilfsmittel an den richtigen Plätzen sind – nämlich die Sicherheit, nirgendwo hilflos zu sein. Wenn ein Rollstuhl-Akku plötzlich leer oder ein Motor kaputt ist, muss niemand verzweifeln: „Am Wochenende hat mich mein Rollstuhl stehen gelassen“, erzählt Christoph Zillessen: „Eine Viertelstunde später war der Hotelbus da und hat uns abgeholt.“

Drei rollstuhlgerechte Kleinbusse bereit zu halten, lohnt sich nicht für jedes Hotel. Doch das Viktoria ist schon lange auf Menschen mit Behinderungeingestellt. „Man muss sich darauf einlassen“, sagt Inhaberin Julia Eß, „man kann nicht zwei rollstuhlgerechte Zimmer anbieten und das war’s. Um so perfekt für Menschen mit Handicap zu werden, wie wir es jetzt sind, haben wir 20 Jahre gebraucht.“ Mittlerweile haben sich die Investitionen rentiert: „Uns geht es gut. Aber nur, weil wir viele begeisterte Gäste haben, die immer wieder kommen, und sich so der Aufwand lohnt.“

Integrationsbetrieb für alle Gäste

Das war nicht immer so. Als das Hotel in den Neunzigerjahren die ersten barrierefreien Zimmer anbot, dauerte es lange, bis die ersten Gäste kamen. „Wir wussten nicht, wo man für diese Zielgruppe werben sollte – und das Internet gab es noch nicht“, sagt Julia Eß. Nach den ersten Anzeigen in einem Magazin für Menschen mit Behinderung änderte sich das schlagartig. Heute macht das Hotel fast gar keine Werbung mehr. Die Mundpropaganda durch die eigenen Gäste reicht.

Julia Eß‘ Eltern fingen in den Neunzigerjahren an, das Hotel auf die Zielgruppe Rollstuhlfahrer hin umzubauen. Weil der Sohn eines Freundes nach einem Unfall plötzlich im Rollstuhl saß – und ihr Vater die Auswirkungen sah, die eine solche Einschränkung für die ganze Familie hat. Als erst der Stall des alten Familienhofs frei wurde und bald darauf ein Nachbargebäude, baute er die ersten rollstuhlgerechten Zimmer, der Umbau der alten folgte. Leicht war das nicht und auf den ersten Blick auch nicht ökonomisch: Aus drei üblichen Zimmern wurden wegen des höheren Platzbedarfs nur zwei für Rollstuhlfahrer.

Julia Eß führt das Hotel mit dem speziellen Konzept nun in der vierten Generation und achtet darauf, dass es auch Menschen ohne Behinderung anspricht: „Es soll nicht aussehen wie ein Sanatorium.“ Im Winter kommen vor allem Wintersportler und Familien – auch sie wissen breite Gänge für Kinderwagen und großzügige Zimmer für die ganze Familie zu schätzen.

Mittlerweile ist das Hotel auch Integrationsbetrieb für Menschen mit Handicap: Julia Eß beschäftigt Gehörlose, Diabetiker, Schmerzpatienten und Menschen mit Lerneinschränkung.

Für Sie recherchiert

Ihr behindert-barrierefrei Team

 

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