Der Schock über das Schicksal geht, die Barrieren bleiben

Kaisersesch.

Sie hat den Mut nie verloren. Leicht war das nicht. Seit einem Unfall und mehreren Verletzungen sitzt Annette Uebach im Rollstuhl. Muskelkraft musste sie in den vergangenen Jahren immer mehr mit mentaler Stärke ausgleichen. Im Alltag gilt es zahlreiche Barrieren zu überwinden – sei es in nicht behindertengerechten Gebäuden, in den Köpfen anderer Menschen oder bei der Beschaffung von so dringend benötigten Hilfsmitteln.

Vor kurzem berichtete der WochenSpiegel über das Schicksal einer Hatzenporterin, die nach einem Arbeitsunfall querschnittsgelähmt ist. Lotto Rheinland-Pfalz hatte für die junge Frau ein Benefizkonzert organisiert. Mit dem Erlös sollte vor allem der Umbau des Hauses finanziell unterstützt werden.

Auch Annette Uebach las den Artikel. Keiner weiß besser als sie: Auf die junge Frau kommen hohe Kosten zu, für die sie selbst aufkommen muss.

Die 45-Jährige hat es einmal zusammen gerechnet: Bis zu 750 Euro im Monat muss sie für Medikamente, Krankengymnastik und Co. selbst aufbringen. Ausgaben, die von ihrer Krankenkasse schon lange nicht mehr übernommen werden. Es sind fixe Kosten, an denen nicht zu rütteln ist. "Manchmal habe ich die Zuzahlung für die Krankengymnastik eingespart“, berichtet sie. Auf Dauer ist das nicht möglich. Schon gar nicht bei anderen medizinischen Mitteln wie beispielsweise Blasenkathetern. Annette Uebach ist seit langem darauf angewiesen.

Der erste Schicksalsschlag, der ihr Leben für immer veränderte, liegt bereits 23 Jahre zurück. Damals befand sie sich gerade in der Ausbildung zur Ergotherapeutin. Sie hatte sich für diesen medizinischen Heilberuf entschieden, der unter anderem Menschen mit einer Querschnittslähmung dabei hilft, im Alltag wieder zurecht zu kommen. Nicht ahnend, dass sie dieses Schicksal kurz später selbst ereilen würde.

Die Pferdeliebhaberin befand sich auf einem Ausritt, als sie "ein Lkw vom Pferd holte“, berichtet Annette Uebach, die seit kurzem in Kaisersesch wohnt. Ihr ganzer Körper sei damals mit blauen Flecken übersäht gewesen. Doch schon nach kurzer Zeit hätten die ärzte sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Was weder die Mediziner noch sie selbst ahnten: Sie hatte zu diesem Zeitpunkt Blutungen im Rückenmark. "Man hätte das damals behandeln müssen“, berichtet sie. Sechs Wochen dauert es, bis die Blutungen entdeckt werden. "Da war es zu spät“, sagt Annette Uebach. Sie hatte bemerkt, wie ihr beispielsweise das Treppensteigen immer schwerer fiel. Der Grund: Die Verletzung im Rückenmark riss immer wieder auf. Als sie erneut medizinischen Rat sucht, erhält sie die schlimme Diagnose: Ab dem siebten Brustwirbel wird sie gelähmt bleiben. "Durch meinen Beruf konnte ich erahnen, was auf mich zukommt“, erinnert sich die Wahl-Kaisersescherin.

Sie kämpft sich zurück ins Leben. Zuerst ersetzen Krücken, später ein Rollator die fehlende Kraft in Rücken und Beinen. Nur sehr kurze Strecken sind noch ohne Hilfsmittel möglich. An einen Stadtbummel oder einen längeren Spaziergang ist längst nicht mehr zu denken. Treppen muss sie auf dem Hintern rutschend bewältigen. Trotzdem: Annette Uebach schaut nach vorn, absolviert ihr Examen zur Ergotherapeutin und findet anschließend eine Anstellung in ihrem Beruf. Vier Jahre nach dem Unfall kommt ihre Tochter zur Welt, 1994 und 1996 ihre Söhne. Die Schwangerschaften werden zur Belastungsprobe für den Körper und fordern ihren Tribut. Ohnehin sind Hüfte, Knie und auch die Fußgelenke inzwischen in Mitleidenschaft gezogen – Folgeerscheinungen der Querschnittslähmung "weil die Muskulatur falsch belastet wird“. Daher ist die damals noch im Siegerland wohnende Ergotherapeutin bald vollständig auf den Rollstuhl angewiesen.

Als sie ihren Job verliert, wird sie mit der sozialen Kälte auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Weil sie sich in den Jahren zuvor ständig weitergebildet hat, erhält sie durchaus positive Resonanz auf Bewerbungen. Vor Einladungen zu Bewerbungsgesprächen muss sie sich jedoch stets erkundigen, ob die Praxen barrierefrei sind. Die Folge: "In 90 Prozent der Fälle erhielt ich allein nach dieser Frage eine Absage“, erinnert sich Annette Uebach. Und selbst wenn der Arbeitgeber sein Ok gab, scheute das Team davor zurück, eine Frau im Rollstuhl aufzunehmen: "Man befürchtete wohl, dass ich eine Belastung statt einer Hilfe sein würde.“

Doch auch diese Hürde meistert sie. Im Jahr 2000 macht sie sich als Ergotherapeutin selbstständig. Der nächste schwere Rückschlag kommt fünf Jahre später: Sie bricht sich den Halswirbel. Seitdem ist sie vom Hals abwärts gelähmt. "Das hat noch mehr an Mobilität genommen“, sagt sie. Wie so oft in ihrem Leben beantwortet Annette Uebach die Frage, wie es nun weitergehen soll, mit ihrer Willensstärke. 2007 legt sie die Prüfung zur Heilpraktikerin ab. Statt sich zurückzuziehen, erweitert sie das Angebot in ihrer Praxis. Zwei Jahre später muss sich auch ihr Ehemann beruflich umorientieren. Sein neuer Job macht den Umzug in die Eifel nötig.

Mehrere Monate pendelt Annette Uebach weiterhin zwischen Kaisersesch und ihrer alten Heimat hin und her, dann schließt sie ihre Praxis. Voraussichtlich Ende August wird sie in Kaisersesch eine neue eröffnen.

Die 48-Jährige blickt positiv in die Zukunft. Sie hat sich in Kaisersesch gut eingelebt, hat die Kleinstädter als "völlig unbürokratisch“ kennengelernt. Bei der Landtagswahl sei beispielsweise kurzerhand ein Kellergitter zur Rollstuhlrampe umgebaut worden.

Annette Uebach würde sich für körperlich eingeschränkte Menschen mehr solcher unbürokratischer Hilfe wünschen. Doch in den vergangenen Jahren hat sie oft das Gegenteil erlebt. Anderthalb Jahre habe sie beispielsweise einmal auf einen neuen Rollstuhl gewartet, ein Jahr allein auf die Bewilligung von ihrer Krankenkasse. "Wer auf Hilfe angewiesen ist, der muss täglich kämpfen“, weiß sie.

Kraft dafür schöpft sie unter anderem beim Reiten. Manchmal nimmt sie sogar an Meisterschaften im Parareiten teil. Der Sport ist für die Rollstuhlfahrerin mehr als nur Ausgleich vom Alltag. "Ich kann nur jedem Betroffenen raten, sich in Reha-Sportgruppen zu integrieren. Hier gibt es andere, die in der gleichen Lage sind, mit denen man sich austauschen kann“, sagt sie. Angebote gäbe es beispielsweise beim Rollstuhl-Sportverband Koblenz. Manche Vereine würden auch Fahrdienste anbieten. Und ansonsten gelte es vor allem, eine Regel zu beherzigen: "Nie den Mut verlieren, viel Geduld haben, und keine Scheu davor, Hilfe einzufordern.“

Für Sie recherchiert:

Ihr behindert-barrierefrei Team
Willi Lang

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