Behindertensport: Felix Neureuter kassiert 150.00 SFr. – Anna Schaffelhuber Schinken, Salami, und div. Wurstsorten

Das deutsche Para-Skiteam gehört zur Weltspitze – obwohl seine Protagonisten wie die fünfmalige Paralympics-Siegerin Anna Schaffelhuber eigentlich Amateure sind. Ihre Leistungen sind ein wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Behinderten.

Schinken, Salami und jede Menge anderer Wurstsorten: Anna Schaffelhuber hat ihre „Prämien“ für den Doppelsieg beim letzten Weltcup in La Molina fotografiert und bei Facebook gepostet. Ihr nicht-behinderter Alpin-Kollege Felix Neureuther hat in diesem Winter schon über 150.000 Schweizer Franken Preisgeld kassiert, dazu kommen satte Prämien von Sponsoren und Ausrüstern. Sein Sieg am vergangenen Wochenende beim Klassiker von Wengen war in den Medien ein Topthema, die neun Podestplätze des deutschen Para-Skiteams beim Weltcup in Spanien meist nicht einmal eine Randnotiz.

Anna Schaffelhuber Preisgeld

Von der Studentin zum Sachbearbeiter

„Meine Sportler hätten es verdient, dass sie nicht nur beim großen Highlight wie den Paralympics Anerkennung für ihre Leistungen bekommen“, sagt Justus Wolf, Bundestrainer Ski Alpin im Deutschen Behindertensportverband: „Sie trainieren schließlich auch täglich.“ Und das ist bei ihnen – bei aller Wertschätzung für Profis wie Felix Neureuther – wesentlich höher einzustufen. Die Mitglieder des deutschen Para-Skiteams sind nämlich Amateure. Die Frauen studieren, Anna Schaffelhuber, Behindertensportlerin des Jahres, zum Beispiel Jura in München. Bei den Männern fahren ein Mediengestalter und ein Sachbearbeiter bei einem Energielieferanten.

„Die Männer können meist erst nach der Arbeit trainieren, die Frauen sprechen alles mit ihren Professoren ab. Sie studieren meist im Winter weniger und im Sommer mehr“, erzählt Wolf.

Keine Preisgelder, keine Rücklagen

Nötig ist das duale System mit Beruf und Sport deshalb, weil es keine Preisgelder gibt und somit keine Chance, Rücklagen für die Zeit nach der Karriere zu bilden. Und es funktioniert nur deshalb, weil generöse Arbeitgeber und Professoren den behinderten Sportlern für Training und Rennen Sonderurlaub gewähren. Und das können schon mal über 100 Tage im Jahr werden. Justus Wolf ist der einzige hauptamtliche Trainer, und er muss alles unter Berücksichtigung der außersportlichen Termine seiner Sportler koordinieren.

Dass Schaffelhuber und Co unter diesen Bedingungen international konkurrenzfähig sind, ist fast schon ein Wunder. Ihre Konkurrenten aus Russland, Japan oder den USA trainieren nämlich unter Profibedingungen. Auch den Weg ins Nationalteam müssen sich die deutschen Para-Skiasse selbst ebnen – nicht zuletzt finanziell. „Den Monoski als Sportgerät müssen sich die Sportler am Anfang der Karriere selbst kaufen, dann wird er modifiziert“ berichtet Wolf: „Bis sie im Nationalteam landen, haben sie mehrere Tausend Euro selbst reingestreckt.“ Das sei allerdings im alpinen Skisport der Nichtbehinderten meist genauso. Auch da müssten die Eltern kräftig investieren und richtig Geld verdienen am Ende nur Topfahrer wie Felix Neureuther oder Fritz Dopfer.

Das was am Ende zählt

Aber das Geld ist für die behinderten Skifahrer ohnehin nicht die entscheidende Dimension. Es geht vor allem um Gleichberechtigung und Anerkennung. „Sie bringen enorme Leistungen. Da verschwimmt das Handicap und so tun sie auch etwas für die Gleichberechtigung von Behinderten in der Gesellschaft“, sagt Wolf: „Da sagt niemand mehr: ‚Schau mal, der Rollstuhlfahrer‘ Am Ende geht es nur noch um den Charakter und das, was man schafft – ob man nun behindert ist oder nichtbehindert.“ Und das kommt auch in der Öffentlichkeit mehr und mehr an. Bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres landete Anna Schaffelhuber zum Beispiel auf einem glänzenden vierten Platz. Die Deutsche Sporthilfe belohnte ihre fünf Goldmedaillen mit insgesamt 20.000 Euro.

„Das sind positive Zeichen, aber es wäre schön, wenn die Leistungen nicht nur aller vier Jahre im Umfeld der Paralympics von der Öffentlichkeit registriert werden“, betont Wolf. Und damit meint der Bundestrainer nicht Schinken als Prämie.

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Ich finde es ein deutliches Zeichen für die mühsame Veränderung unserer Gesellschaft in Bezug auf Inklusion….

    Die Erwähnung in der Presse (TV, Radio und Internetzeitungen) solcher Erfolge sind meiner Meinung nach ein MUSS auf dem Wege der Inklusion…….die ja in vielerlei Mündern ist.

    Antworten
  • Joachim Späth
    12. Februar 2015 12:22

    … wie im wirklichen Leben – oder so (un-)gerecht ist die Welt ..
    und ein weiteres Betätigungsfeld für unsere Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Frau Verena Bentele ….

    Antworten

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