Behindertensport: Anna Schaffelhuber und Markus Rehm sind die Behindertensportler des Jahres 2014

Der Star des Abends fehlte, aber wirklich böse war ihm niemand. Schließlich leistete der unterschenkelamputierte Weitspringer Markus Rehm schon wieder Schwerstarbeit für die gemeinsame Sache. Bei Stefan Raabs TV-Total-Turmspringen stürzte er sich ins Wasser, machte als Dritter des Einzel-Finales eine gute Figur und Werbung – für sich genauso wie für den paralympischen Sport insgesamt. Die 400 geladenen Gäste aus Sport und Politik, die am Samstagabend im Kölner Sport- und Olympiamuseum die Behindertensportler 2014 feierten, ließ er deshalb per Videobotschaft vom Sprungturm wissen, wie stolz er darauf sei, „Teil der paralympischen Familie“ zu sein. Dann kippte er hinten über und verschwand mit einem Salto rückwärts aus dem Bild.

102 Mal die deutsche Hymne

In Köln gab es Applaus und später bestimmte der „Fall Rehm“ so manche Diskussion. Dabei wurde Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behinderten Sportverbandes (DBS), aber nicht müde, auch auf „unsere sensationellen Erfolge“ neben der durch Rehm befeuerten Diskussion um Inklusion hinzuweisen. Er hatte nachgezählt und teilte mit: „102 Mal war in diesem Jahr bei Paralympics, Welt- und Europameisterschaften die deutsche Hymne zu hören.“ Allein fünf Mal erklang sie bei den Paralympischen Spielen von Sotchi für die querschnittsgelähmte Monoskifahrerin Anna Schaffelhuber, die zum dritten Mal nach 2011 und 2013 als Behindertensportlerin des Jahres ausgezeichnet wurde.

Anna Schaffelhuber BehindertesportlerDie 21 Jahre alte Jurastudentin aus München hat ebenso wie Rehm sportlich alles erreicht. Sie ist in allen fünf Monoski-Disziplinen die Beste der Welt. Rehm, der 26 Jahre alter Orthopädietechnik-Meister aus Leverkusen, ist Paralympicssieger, Weltrekordhalter (8,24 Meter), erster Acht-Meter-Springer mit Beinprothese und Deutscher Meister bei den Nichtbehinderten.

Scheu abbauen, zum Nachdenken anregen

Beide könnten sich zur Ruhe setzen und das Erreichte genießen – toppen können sie es ohnehin kaum noch. Und doch sind Schaffelhuber und Rehm noch hochmotiviert. Sie wollen mehr. Für sich, für den Behindertensport, für das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung.

Anna Schaffelhuber hofft, dass sie Kraft ihrer Popularität „die Leute zum Nachdenken bringen“ und „Scheu abbauen“ kann. Sie wünscht sich noch mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung für den Behindertensport, dessen Wettkämpfe ihrer Ansicht nach nicht nur alle vier Jahre bei den Paralympics im Anschluss an Wettkämpfe nichtbehinderter Athleten stattfinden sollten. Von direkter Konkurrenz zwischen Behinderten und Nichtbehinderten, wie sie Rehm in diesem Jahr bei seinem Sieg bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften hatte, hält sie allerdings nichts. „Es wäre ein totaler Schwachsinn, wenn ich gegen Maria Riesch gefahren wäre“, sagt sie. Und: „Das wird nie zu 100 Prozent vergleichbar sein, man hat einfach nicht die gleichen Voraussetzungen.“

Gegeneinander oder nur miteinander?

Vergleichbar oder nicht? Gegeneinander oder maximal Miteinander? Das sind die Fragen, die Markus Rehm angestoßen hat. Im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) wird nun 2015 eine neue Regel in Kraft treten: Athleten, die auf Grund einer Behinderung auf technische Hilfsmittel wie Prothesen angewiesen sind, dürfen an den Wettbewerben teilnehmen, werden aber getrennt gewertet. Diese Regel soll gelten, bis fundierte Studien zu einer Vergleichbarkeit oder internationale Beschlüsse zu der Thematik vorliegen.

Für den Moment sei dies die beste Lösung, finden Rehm und seine Trainerin Steffi Nerius. Die ehemalige Speerwurf-Weltmeisterin hatte die Ehrung für ihren Schützling entgegengenommen. Aber nun müssten auch wirklich entsprechende Untersuchungen durchgeführt werden. „Jeder bekundet Interesse daran“, sagt sie. „Aber es wird viel zu passiv agiert.“

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