Barrierefreiheit: Eine Gruppe von behinderten Menschen besuchte Israel

23 Menschen mit und ohne Behinderung traten Ende September eine ungewöhnliche Urlaubsreise an, die sie sieben Tage lang durch Israel und das Westjordanland führen sollte. Auf dem Programm dieser Gruppe standen nicht nur die üblichen Sightseeing-Highlights, wie die Geburtskirche Jesu in Betlehem, die Altstadt von Tel Aviv, der See Genezareth oder das Bad im Toten Meer, sondern auch der Besuch eines Kibbuz sowie ein Treffen mit palästinensischen Arbeitskollegen. Denn die bunt gemischte Reisegruppe bestand aus Mitarbeitern und Beschäftigten der Sylter Werkstätten sowie Mitgliedern des Fördervereins, die sich auf eine barrierefreie Erkundungstour durch das „gelobte Land“ machten. Menschen mit und ohne Behinderung wollten Jerusalem und Umgebung für sich entdecken und gingen damit ein echtes Abenteuer ein, denn für viele bedeutete das, zum ersten Mal im Leben zu fliegen, zum ersten Mal in Urlaub zu fahren und zum ersten Mal die Hitze der Wüste zu spüren.

Losgefahren waren sie aus den unterschiedlichsten Gründen: Lars wollte wegen seiner Hauterkrankung unbedingt mal im Toten Meer baden und die wohltuende Wirkung des extremen Salzgehaltes spüren. Jessica wünschte sich, die Klagemauer zu besuchen und zu erfahren, wie das Leben in einem Kibbuz aussieht. Nyda und Johannes freuten sich auf die Altstadt Jerusalems mit ihren bunten Basaren und Märkten und Andrea lag das Treffen mit den Kollegen von „Lifegate” am Herzen. Die Fördereinrichtung für Kinder und Jugendliche mit geistigen und körperlichen Behinderungen liegt in Beit Jala bei Betlehem (Westjordanland) und ist Partner der Sylter Werkstätten. „Sich einmal persönlich kennenzulernen, sich mit Händen und Füßen auszutauschen und zu sehen, wie dort gearbeitet wird, war sehr eindrucksvoll“, berichtet Andrea, die in den Sylter Werkstätten im Manufakturladen arbeitet. Hier wird unter anderem auch das Olivenöl aus dem Westjordanland verkauft.

Die größte Herausforderung stellte die Reise für Rollstuhlfahrerin Jessica dar, denn die historischen Stätten sind alles andere als behindertengerecht. Mit ganz viel Manpower und Engagement überwand die Gruppe jedoch alle Hürden und ließ die Träume von Jessica wahr werden. „In der Geburtskirche Jesu ging es ziemlich tief und steil nach unten, da haben wir einfach mit drei, vier Leuten angefasst und Jessica samt Rollstuhl runter getragen“, berichtet Holger vom Förderverein, der als Begleitperson mitgereist war. Der Rollstuhl wurde auf dieser Reise nicht nur unzählige Treppen hinunter getragen, sondern erklomm auf der Festung Masada auch Berge und Höhen, wurde durch die engen Gassen von Jerusalem geschoben und holperte über steinige Wanderwege zum See Genezareth.

Möglich war all dies nur, weil Betriebsleiter Michael und Holger zusammen mit einem kleinen Team bereits im letzten Jahr die Route ausprobiert hatte. „In Zusammenarbeit mit einem Reisebüro haben wir uns vor Ort alles angeschaut und geprüft, was machbar ist. Schließlich haben wir eine Gruppe mit speziellen Bedürfnissen und bisher gibt es keinen Anbieter, der sich auf Reisende mit Handicap eingestellt hat. Unsere Gruppe war also ein absolutes Novum. Dort, wo es keine Barrierefreiheit gab, mussten wir sie mit unserer Manpower eben selbst herstellen und das Unmögliche möglich machen.“ Auf der Reise dann zu sehen, wie gut alles funktioniert, wie selbstverständlich alle mit anpacken und zu einem Team zusammenwachsen, war für Michael das eigentliche Highlight der Pionierfahrt. „Den Kontakt zu den Menschen intensiv zu leben und den Alltag zu meistern, war wunderbar. Das hat uns zusammengeschweißt“, resümiert auch Holger. Sein Zimmergenosse, Eberhard vom Förderverein, blickt ebenso begeistert auf das Erlebte zurück, denn „auch wenn es anstrengend war und ich so meine Bedenken hatte, muss ich sagen, dass das ein großartiges Erlebnis war. Die historischen Städte zu sehen, war schon sehr eindrucksvoll, aber der Teamgeist der Gruppe hat mich noch mehr beeindruckt.“

Über die Sicherheit in diesem politisch unruhigen Land machte sich spätestens bei der Ankunft niemand mehr Gedanken: „Trotz Militärpräsenz und strenger Kontrollen haben wir uns nicht einen Moment unwohl oder ängstlich gefühlt“, berichtet Holger und seine Mitreisenden können das nur bestätigen. „Dazu hat sicherlich auch unsere deutschsprachige Reiseleitung beigetragen, die offen über die Konflikte in diesem Land gesprochen hat und uns zeigte, dass der Alltag zwischen Palästinensern und Israelis meist friedlich verläuft, man in vielen Dingen sogar zusammen arbeitet und zwischen den Ländergrenzen ein ganz normales Leben stattfindet.

Um die neugewonnenen Kontakte weiter zu vertiefen und ebenfalls positive Zeichen zu setzen, werden wir im nächsten Jahr unsere Kollegen von „Lifegate“  begrüßen dürfen. „Es ist auch geplant, einen Mitarbeiter-Austausch ins Leben zu rufen, um weiter voneinander lernen zu können. Lifegate arbeitet daran, den Status von behinderten Menschen in diesem Land zu verbessern und dazu möchten wir beitragen“.

 

Vorheriger Beitrag
Schlaganfall-Patienten – Bessere Überlebenschancen in „Stroke unit“
Nächster Beitrag
Rollstuhl Best Western Hotel Göhren barrierefrei

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Lorna Langheinrich
    26. Januar 2018 8:18

    Guten Tag! Ich finde es ganz toll so was zu erleben. Meine Tochter ist 17 Jahre alt und wir mögen verreisen nur leider funktioniert öfter nicht aufgrund ihre Abhängigkeit im Rollstuhl

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

11 − 9 =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0
Abonnenten bei YouTube Kanal barrierefrei1
Menü