Auch Menschen mit Behinderungen haben sexuelle Wünsche, Begierden und Sehnsüchte

Von Christian Lang

Auch Menschen mit Behinderungen haben sexuelle Wünsche, Begierden und Sehnsüchte. Werden diese nicht erfüllt, kann dies bei ihnen genau wie bei nicht behinderten Menschen zu Frust und Aggressionen führen. Nina de Vries bietet kognitiv eingeschränkten Menschen mit professioneller Zärtlichkeit Hilfe an. Sei es durch Massagen, sanfte Berührungen oder gar durch die Stimulation bis zum Höhepunkt – die Sexualassistentin ermöglicht ihren Klienten ein erotisches Erlebnis.

Die gebürtige Niederländerin ärgert sich. Es herrsche viel Falschheit im Umgang mit Behinderten. Von der Gesellschaft werden diese häufig als Kinder gesehen, die um jeden Preis vor allem Übel beschützt werden müssen. Die Folge: Ein anmaßendes und vollkommen überzogenes Mitleid gegenüber den Behinderten, denen dabei im Umkehrschluss die Fähigkeit abgesprochen wird, eigenständig zu handeln, zu fühlen oder gar sexuelle Begierden zu entwickeln.

In den Niederlanden absolvierte de Vries eine therapeutische und eine Körperarbeitsausbildung, bevor sie 1990 nach Berlin zog. Dort kam sie beruflich vermehrt mit Behinderten in Berührung; zunächst arbeitete sie als Betreuerin in einem Rehazentrum für körperbehinderte Menschen, später bot sie erotische und tantrische Massagen an – zu ihren Klienten zählten auch körperlich eingeschränkte Personen. „Das hat mich schon etwas Überwindung gekostet. Aber die Angst ging schnell weg“, berichtet sie rückblickend.

Seit einigen Jahren ist sie nun als Sexualassistentin tätig. Spezialisiert hat sie sich auf Menschen mit schweren kognitiven Behinderungen. Man kann in der Praxis beobachten, und Untersuchungen in den Niederlanden haben belegt, dass diese häufig nicht in der Lage seien, selbst herauszufinden, wie sie masturbieren können. Dazu braucht es auch kognitive Fähigkeiten; es ist kein angeborenes Wissen. Sexuelle Frustration sei die Folge, wenn sie ihre Lust nicht befriedigen können. Das könne wiederum zu Aggressionen gegenüber sich selbst oder anderen führen.

„Unerfüllte sexuelle Lust kann sich zum Beispiel durch Übergriffe gegen andere Bewohner oder unsere Mitarbeiter äußern“, sagt Barbara Strunk, Geschäftsführerin der Hilfe für Hörgeschädigte. In dem dazugehörigen Karl-Luhmann-Heim betreut de Vries seit rund zehn Jahren Klienten.

Durch einen Zeitungsartikel ist Strunk damals auf die Sexualassistentin aufmerksam geworden. „Wir haben viele Bewohner, die es nicht schaffen, sich zu befriedigen. Unsere Mitarbeiter können da natürlich auch nicht helfen“, so Strunk, die auch Heimleiterin des Heims für Hörgeschädigte ist. Der Vorschlag, den Bewohnern mit einer Sexualbegleiterin zu helfen, sei zunächst äußerst umstritten gewesen. So äußerten nicht nur die Vorstandsmitglieder, sondern auch die Mitarbeiter und die Angehörigen der Bewohner zunächst Bedenken. Diese seien jedoch schnell gewichen, als sie Nina de Vries kennengelernt hätten. „Sie hat einfach ein beeindruckendes Menschenbild. Sie begegnet den Bewohnern auf Augenhöhe und betont, dass jede Person auf ihre Art schön und etwas Besonderes ist“, erzählt Strunk. Auch die Erfolge würden für das Konzept der Sexualbegleitung sprechen. Die Bewohner, zu denen de Vries kommt, seien viel ausgeglichener geworden. „Vor allem viele Männer hatten richtig Druck. Sie konnten ihre unerfüllte Sexualität durch die Hilfe kanalisieren und etwas für ihr Leben dazugewinnen“, betont die Heimleiterin.

Jeder Klient sei anders, sagt de Vries. Deshalb können die 60-minütigen Sitzungen auch immer unterschiedlich ablaufen. Mit manchen badet sie zusammen, andere wiederum bringt sie zum Orgasmus. Bei manchen würde es ausreichen, wenn sie neben ihm im Bett liegt, ihn umarmt oder massiert. Ihr Dienste bietet sie für beide Geschlechter an; die einzige Bedingung: Geschlechtsverkehr und Oralsex sind tabu. Dies würde nämlich eine persönliche und moralische Grenze überschreiten, sagt de Vries.

Besonders spannend sei immer die erste Begegnung mit einem Klienten. Im Karl-Luhmann-Heim kommt diese auf Anfrage der Mitarbeiter zustande, die schließlich am nächsten mit den Bewohnern in Kontakt sind und deshalb am ehesten bemerken, wenn jemand eine Hilfestellung benötigt. Das erste Treffen müsse gut vorbereitet sein, dennoch wisse man nie, was auf einen zukomme, so die Sexualassistentin. „Die ersten Momente, wenn ich im Zimmer bin, haben oft den Charakter eines Improvisationstheaters. Der Klient weiß nicht, wer ich bin und was los ist.“

Eine Situation, die viel Intuition, Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl erfordert – da sie manchmal mit gehörlosen Menschen arbeitet, kann auch die Kommunikation problematisch sein. Es sei dann an ihr, erstens dem Klienten zu signalisieren, wer sie sei, und zweitens herauszufinden, was ihr Gegenüber möchte und was nicht. „Das ist häufig wie ein Puzzle, das man lösen muss“, sagt de Vries.

Die Preise für eine Sitzung variieren je nach Aufwand für die Sexualbegleiterin. Zwischen 90 und 130 Euro kosten eine Stunde; hinzu kommen noch die Kosten für die Anreise. Bei längeren Strecken werden die Preise individuell verhandelt. Viele Bewohner des Karl-Luhmann-Heims arbeiten in der dortigen Werkstatt; von dem Lohn können sie die Kosten für die Sexualassistenz tragen. Bewohner, die nicht in der Werkstatt arbeiten können und deshalb nicht so viel Geld haben, werden jedoch nicht ausgeschlossen. Viele Firmen spenden an das Heim, so Strunk. Davon können die Sitzungen bezahlt werden.

Das Konzept der Sexualbegleitung ruft jedoch auch Kritiker auf den Plan. Häufig wird es in die Nähe der Prostitution gerückt, gerade viele kirchliche Einrichtungen möchten damit nichts zu tun haben. „Menschen, die an Vorurteile festhalten, interessieren mich nicht. Die haben davon einfach keine Ahnung“, erklärt de Vries. Aber auch andere Kritikpunkte werden in Richtung dieser sexuellen Dienstleistung geäußert. Der Osnabrücker Sexualmediziner Uwe Kinzel betont zwar, dass die Sexualbegleitung zum Wohlbefinden von Behinderten beitragen kann. Dennoch weist er darauf hin, dass es nur eine Dienstleistung sei und nicht etwa eine Therapie. „Mit dem Orgasmus erreicht man vielleicht eine kurzzeitige Befriedigung, aber keine Verbesserung der Gesundheit“, so Kinzel. Dies könnten dagegen Surrogatpartner leisten, die im therapeutischen Kontext sexuelle Handlungen vornehmen. Diese Form der Behandlung habe in Deutschland jedoch bislang noch nicht die gewünschte Verbreitung gefunden, so Kinzel.

De Vries hat jedoch gar nicht den Anspruch, eine Therapie anzubieten. „Es ist eine bezahlte Dienstleistung, quasi eine Assistenz für Menschen, die in allen Bereichen ihres Lebens Assistenz brauchen, also auch in diesem Bereich.“ Auch den Einwand, Klienten könnten sich in sie verlieben, lässt die Sexualbegleiterin nicht gelten. Erstens sei es ziemlich anmaßend, Behinderten nicht das Recht auf Liebeskummer zuzugestehen. Zweitens würden die kognitiv eingeschränkten Personen, für die sie ihre Dienste anbietet, oftmals das Konzept von Liebe oder Heirat gar nicht verstehen. Würde sie mit körperlich Behinderten oder mit Menschen ohne sichtbare Behinderung arbeiten, könnte es eher dazu kommen, dass sich ihre Klienten in sie verlieben.

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