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Michael Kraft (11.08.2011)

Schwellenloses Wohlgefühl


Meine erste Fahrt heute Morgen, gleich nach dem Frühstück, war auf den Balkon. Einfach mal kurz rausfahren, die Sonne und die Luft genießen, nachschauen, wie unsere Tomaten in dem großen Pflanzkübel gedeihen und wie es unserem Bananenbaum geht.
Vorgestern noch wäre das ein größeres Unterfangen geworden, für mich und vor allem für meine Frau – beide Türflügel aufmachen, die schwere Holzrampe vom Balkon holen und an die Türschwelle innen anlegen, Anlauf mit dem Rollstuhl nehmen, mit genügend Schwung über die Holzrampen hoch und wieder runter fahren und dann bremsen, dass man nicht gegen die Brüstung knallt. Aber das war vorgestern. Seit gestern ist die hohe Schwelle Geschichte, der Fensterrahmen ausgebaut und die ganze Fensterfront ersetzt durch eine Schiebetür. Die hat zwar auch eine Schwelle, aber schon allein dieses Wort hat mehr Buchstaben als die Schwelle Millimeter hat.
Nur sechs Stunden hat es gedauert, bis die Fensterbau-Firma Knechtle die neue Schiebetür fix und fertig drin gehabt hat. Die Firma kommt aus Engen, das ist gute zwei Stunden über die Autobahn von uns weg. Den Auftrag habe ich trotzdem lieber ihr gegeben als einem Betrieb bei uns in der Stadt – nicht, weil ich den Handwerkern von hier nicht trauen würde, sondern schlicht und einfach deswegen, weil der Chef der Firma Rolf Knechtle heißt. Und Rolf kenne ich schon, seit ich noch einigermaßen geradeaus laufen konnte. Wir sind nur ein paar hundert Meter entfernt voneinander aufgewachsen, waren zusammen im Kindergarten und in der gleichen Grundschul-Klasse und haben gute zwei Jahrzehnte zusammen im gleichen Blasorchester gespielt.
Die Kinderjahre mit Rolf waren spannend; wir haben Fußball gespielt, gerauft, den felsigen Wald hinter seinem Elternhaus erforscht und viel über das Leben gelernt – zum Beispiel, dass es eine ganz, ganz schlechte Idee ist, Wasser aus dem Katzenbach zu trinken, selbst wenn es Sommer ist und man großen Durst hat. Der Katzenbach fließt nämlich an dem ehemaligen Engener Schlachthaus vorbei, nur dass es damals noch kein ehemaliges Schlachthaus war, sondern eins in Vollbetrieb…
Es hat damals eine ganze Weile gedauert, bis ich aufgehört habe, alles gleich wieder von mir zu geben, was ich gerade gegessen oder getrunken hatte.
Womit wir wieder beim Thema wären nach diesem ausführlichen und verschnörkelten Umweg: Bei der Zeit, die Dinge manchmal brauchen, um (wieder) gut zu werden. Denn auch bis es soweit war, dieses schwellenlose Wohlgefühl in unserer Wohnung genießen zu können, hat es viel Zeit und vor allem viel Hartnäckigkeit gebraucht. Ich hatte für den behindertengerechten Umbau bereits im Frühjahr einen Zuschuss bei meiner Pflegekasse beantragt. Den hat sie abgelehnt und den Widerspruch dagegen auch. Erst als ich um eine rechtsmittelfähige Entscheidung des zuständigen Widerspruchsausschusses gebeten habe, sprich, der Krankenkasse eine Klage in Aussicht gestellt habe, ging das mit der Zustimmung von der Kasse auf einmal sehr schnell.
Die Moral der Geschichte: Recht haben und Recht bekommen ist manchmal nicht dasselbe. Es empfiehlt sich in solchen Fällen, höflich, aber hartnäckig zu bleiben. Dann kann man irgendwann auch die Früchte seiner Arbeit genießen, also zum Beispiel selber gezogene Tomaten auf dem Balkon.

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Kommentare:

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Gabi (11.01.2012 19:02 Uhr)
Hi Michael, welch ein Glück ihr habt wenn ich die ganzen Storys lese. Ich bin gerade dabei mit meinen Handwerkern die Kostenvoranschläge durchzugehen, bei mir geht es allerdings um die Umsetzung barrierefreies Bad, ich bin schon sehr gespannt ob die Pflegekasse ihren Beitrag dazu leistet. Die Kosten belaufen sich auf über 10.000 Euro. Da wäre ein Zuschuss von gut 2000 Euro sehr hilfreich. Gruß von einer Nachbarin aus Böblingen.
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